Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 86
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/48-A-1087-1/0085
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
Die Bahnhofsanlagen und Eisenbahnhochbauten.

81

Gleis III als Überholungsgleis gedacht. Es kann entweder einen
Güterzug von Osten oder einen von Westen aufnehmen. Bei
sehr starkem Güterverkehr muß man zwei Überholungsgleise
anordnen. Ein Güterzug bringt Güter in mannigfacher Gestalt
und Verpackung. Zunächst Stückgüter, die, ähnlich wie bei
den Personenzügen das Reisegepäck, am Zuge aus- und ein-
geladen werden können. Ist ein Güterwagen mit Stückgütern
lediglich für eine Station gefüllt, so entladet man ihn nicht
während des Zugaufenthalts, sondern setzt ihn aus dem Zuge
aus und stellt ihn zur Entladung an den Güterschuppen.
Auch bei Wagenladungen setzt man die Wagen aus dem
Zuge aus. Güter wie Kohlen, Rüben, Steine usw. gelangen aber
nicht an den Güterschuppen, sondern in die „Freiladegleise“.
An Stelle der ausgesetzten Wagen nimmt der Zug andere auf,
die vom Güterschuppen oder den Freiladegleisen kommen, und
fährt dann weiter.
Das Ein- und Aussetzen der Güterwagen erfolgt im all-
gemeinen durch die Zuglokomotive und macht bei zweckmäßiger
Anordnung der Gleise keine Schwierigkeiten. Trifft z. B..der
Güterzug von Westen ein (Abb. 6), so wird er bei der ersten
Weiche am westlichen Ende abgelenkt und in Gleis III geleitet.
Nachdem er zum Halten gekommen, werden die Wagen, die auf
der Station bleiben sollen, losgekuppelt; die Lokomotive fährt
mit ihnen in das östliche Ausziehgleis vor und stößt sie zunächst
rückwärts in das Aufstcllgleis 4. Dann holt sie die mitzu-
nehmenden Wagen aus dem Schuppengleis 6 und den Freilade-
gleisen 7 und 8 ab und bringt sie zum Zuge. Darauf fährt sie
wieder nach Gleis 4, verteilt die abgesetzten Wagen in das
Schuppengleis und die Freiladegleise und kehrt schließlich zum
Zuge zurück; nunmehr kann die Weiterfahrt erfolgen. In ähn-
licher Weise werden die Güterzüge von Osten nach Westen
ebenfalls von Gleis III aus behandelt. Zum Verwiegen beladener
Güterwagen ist eine Brückenwage (Gleiswage) in Gleis 8 ein-
gebaut. Der daneben errichtete Lademesser, ein das Gleis um-
spannender Rahmen, dient zur Prüfung, ob die Wagen nicht zu
hoch beladen sind. Falls die Züge die Lokomotive wechseln
sollen, wird ein Lokomotivschuppen erforderlich; hier werden
die Lokomotiven in den Dienstpausen aufgestellt und nach-
gesehen. In Abb. 6 liegt der Schuppen am westlichen Ende;
er ist an eine Drehscheibe angeschlossen. Auf ihr werden die
Lokomotiven, die einen besonderen Tender besitzen, stets so
gedreht, daß bei der Fahrt der Schornstein sich vorn befindet.
Damit die Lokomotiven nach beiden Enden des Bahnhofes ge-
langen können, ist es zweckmäßig, ein Gleis (in unserem Fall
No. 5) als Durchlaufgleis freizuhalten. Zur Versorgung der
Lokomotiven mit Kohlen dient der Kohlenbansen; Wasser
können sie an dem Wasserkrane WKr nehmen.

Dieser kleine Bahnhof vereinigt alle Anlagen in
nächster Nähe: als Verkehrsanlagen das Empfangs-
gebäude mit den Bahnsteigen, den Güterschuppen und
die Freiladestraße; als Betriebsanlagen die gesamten
Dleise und Weichen, den Lokomotivschuppen mit der
Drehscheibe und den Versorgungsanlagen fiir Kohle
und Wasser. Personen- und Giiterziige werden un-
mittelbar nebeneinander abgefertigt. Alle Eigentüm-
lichkeiten des Eisenbahnbetriebes sind hier, wenn auch
]|ur in einfacher Weise, bereits erkennbar.
Wo andererseits der Verkehr das mittlere Maß
überschreitet, müssen die Einrichtungen der Abb. 6
wesentlich vergrößert und erweitert werden.
Während man bei kleinen Stationen die Anlagen tun-
lichst zusammenzufassen sucht, ist hier oft das Gegen-
teil der Fall. Zuweilen ist man durch örtliche Ver-
hältnisse gezwungen, die Verkehrs- und Betriebs-
anlagen räumlich vollkommen voneinander zu

sondern. Trennt man noch den Personenzugdienst
vom Güterzugdienst, so ergeben sich folgende 4 ver-
schiedene Bahnhofsgattungen:
Einteilung der Bahnhöfe nach dem Zweck.
1. für den Personenverkehr: Personenbahnhöfe,
2. für den Personenzugbetrieb: Abstellbahnhöfe
zur Aufnahme der leeren Personenzüge wäh-
rend der Betriebspausen, sowie zur Reinigung
der Personenwagen,
3. für den Güterverkehr: Güterbahnhöfe, die
ihrerseits wieder in Anlagen für den Stück-
gutverkehr, Rohgutverkehr, Viehverkehr und
Umschlagverkehr (Umladung zwischen Schiff
und Eisenbahn) gegliedert sein können,
4. für den Güterzugbetrieb: Verschiebebahnhöfe
oder Rangierbahnhöfe.
Die Anlagen für die Ausbesserung der Wagen
und Lokomotiven werden zuweilen als Werkstätten-
bahnhöfe bezeichnet, gehören aber eigentlich nicht
zu den Bahnhöfen. Man schiebt naturgemäß die
Anlagen für den Personenverkehr am weitesten
in die Städte hinein; bei den Anlagen für den Güter-
verkehr ist dies weniger wichtig, immerhin rückt man
sie nicht ohne Not aus dem Weichbild heraus, damit
die Wege der Frachtfuhrwerke nicht zu lang werden.
Die Anlagen für den Betriebsdienst dagegen (Abstell-
bahnhöfe, Verschiebebahnhöfe sowie die Werkstätten-
bahnhöfe) werden wegen des großen Grunderwerbes,
den sie bedingen, oft viele Kilometer weit von der
zugehörigen Hauptanlage errichtet.
Dadurch entstehen unter Umständen weite Wege
für die Züge, auch Schwierigkeiten bei der Unter-
bringung des Personals, indes lassen sich diese Miß-
stände durch geeignete Maßnahmen (Anlage von
Dienstwohnungen, Einlegung von Beamtenzügen usw.)
zum Teil mildern. Im folgenden sollen zunächst
die Anlagen für den Personenzugdienst, Personen-
bahnhöfe und Abstellbahnhöfe, sodann die Anlagen
für den Güterdienst, Güterbahnhöfe und Verschiebe-
bahnhöfe in ihren Grundzügen kurz erläutert werden;
die Werkstättenbahnhöfe dagegen werden im Kap. XV
besonders behandelt.

2. Personenbahnhöfe.
A. Gleispläne und Bahnsteiganordnungen.
jteilung der Personenbahnhöfe ist den

ach der Lage zum Bahnnetz.

Personenbahn-
höfen besondere
nen beizulegen, je nachdem in ihnen die Bahnlinie
innt oder durchläuft, andere Linien einmünden
r kreuzen usw. Die Bezeichnungen sollen an der
:cke Berlin-Leipzig-Hof-Miinchen (vergl. Abb. 7)
gezählt werden. Der Übersichtlichkeit wegen sind
einzelne Stationen dargestellt, alle übrigen aber
gelassen; dasselbe gilt von den anschließenden
r kreuzenden Bahnlinien.
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list