Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 171
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Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart.

pendelnd aufgehängt und wird von einem Riemen angetrieben,
der bei Überschreitung einer gewissen Zuggeschwindigkeit in
solchem Maße schlüpft, daß die Umdrehungszahl des Erzeugers
annähernd gleich bleibt. Die Leistung desselben kann erhöht
oder erniedrigt werden, wenn man den Riemen stärker oder
weniger anspannt. Es sind 2 Sammleranlagen vorhanden, von
denen die eine geladen wird, während die andere den Licht-
strom liefert. Ein auf dem Erzeuger angeordneter Fliehkraft-
schalter besorgt die nötigen Schaltungen selbsttätig. Beim
Wechseln der Fahrtrichtung werden die Bürsten selbsttätig
umgelegt, so daß der Netzstrom stets in gleicher Richtung fließt.
Neuerdings wird von der preußischen und sächsischen
Staatsbahnverwaltung eine Zugbeleuchtung Bauart Pintsch-
Grob erprobt. Der Stromerzeuger liefert dauernd Strom von
gleicher Spannung, mit der die eine von den beiden Sammler-
anlagen geladen wird. Der Ladestrom hört von selbst auf,
wenn der Sammler aufgeladen ist. Selbsttätige durch einen
Fliehkraftregler betätigte Einrichtungen besorgen das Ein-
schalten der Sammler und die sonst erforderlichen Schaltungen.
Die sächsische Staatseisenbahnverwaltung verwendet bei
einer Reihe von Wagen eine Einzelwagenbcleuchtung nach der
Bauart Aichele-Brown-Boveri.

Geschlossene Zugbeleuchtung.

Bei der geschlosse-
nen Zugbeleuchtung
wird der Strom von einem Erzeuger geliefert, der am
Gepäckwagen von einer Achse angetrieben wird.
Es ist auch versucht worden, Stromerzeuger zu ver-
wenden, die mit einer Dampfturbine gekuppelt und
auf der Lokomotive angebracht sind. Wegen des
außerordentlich hohen Dampfverbrauchs ist jedoch
von einer weiteren Einführung abgesehen worden.
Die Wagen des Zuges mit geschlossener Beleuchtung
haben Kuppelungen für die elektrischen Leitungen
(vergl. Abb. 13). Im übrigen entspricht die elektri-
sche Ausrüstung derjenigen der Einzelwagenbeleuch-
tung mit Stromerzeuger. In jedem Wagen ist ein
Sammler erforderlich, der den Strom bei Stillstand
und Langsamfahrt liefert, und wenn der Wagen vom
Zuge abgekuppelt ist.
Die geschlossene Zugbeleuchtung hat ein sehr
beschränktes Anwendungsgebiet. Sie läßt sich nur
bei Zügen verwenden, die dauernd geschlossen
bleiben. Jeder Wagen, der gelegentlich in den Zug
eingestellt werden soll, muß mit einem Über-
brückungskabel versehen werden, wenn er nicht am
Ende des Zuges läuft. Auch bei geschlossenen Zügen
ist diese Beleuchtung nur in seltenen Fällen mit Vor-
teil anzuwenden, da jede etwas später erwünschte
Änderung des Umlaufs der Wagen mit Schwierig-
keiten verbunden ist. Die Freizügigkeit der einseitig
ausgerüsteten Wagen ist erheblich beschränkt.

Elektrische Beleuchtung der
Schlaf- und Salonwagen.

Die Schlafwagen der
preußisch - hessischen
Eisenbahnverwaltung
erhalten sämtlich Einzelwagenbeleuchtung durch
Stromerzeuger. In jedem Halbabteil ist eine Wand-
lampe in einem flachen, ovalen Beleuchtungskörper

für die Allgemeinbeleuchtung, und außerdem eine be-
wegliche Tisch-, Wand- oder Leselampe vorhanden.
Da im Wärterraum die Gasbehälter fortfallen, werden
an Stelle der Gaskocher elektrische Kocher ver-
wandt.
Die Salonwagen, auch die der Hofzüge, haben
außer der Gasglühlichtbeleuchtung noch eine elek-
trische Zusatzbeleuchtung durch besonderen Strom-
erzeuger und Sammler und Überbrückungskabel an
jedem Wagen, so daß die Wagen auf jeden Fall, auch
im Auslande, von jeder Beleuchtungsart unabhängig
sind.

Sämtliche Staatseisenbahnverwaltungen Deutsch-
lands sind entsprechend des allgemeinen Verkehrs-
aufschwunges bestrebt, nach den gesteigerten An-
forderungen und Bedürfnissen der Reisenden, nach
der Entwicklung der Technik und nach den sich
ändernden Betriebsverhältnissen ihre Fahrzeuge
fortschrittlich zu verbessern. Dies trifft besonders
bei den Personenwagen zu, wo die Reisenden in der
Lage sind, Kritik zu üben.
Einen Stillstand in der Ausbildung dieser Wagen
gibt es nicht, und man kann mit Recht sagen, daß die
neueste Wagengattung schon durch die nachfolgende
Ausführung übertroffen wird. Stete Versuche mit
Neuerungen ergeben vielfach zweckmäßigeres, was
dann zur Einführung gelangt. Zur Beurteilung dieser
Fragen haben alle Verwaltungen im Personenwagen-
bau erfahrene Fachmänner.

Ausschuß für Personen-,
und Gepäckwagen.

Post-

Vm aber nicht alles
bei den verwickel-
ten und schwieri-
gen Verhältnissen dem Urteil eines einzigen zu über-
lassen, ist bei der preußisch-hessischen Verwaltung
ein Ausschuß zur Beratung der wichtigsten Fragen
des Baues der Personen-, Gepäck- und Postwagen
eingesetzt. Er steht unter Leitung des Eisenbahn-
zentralamtes und hat als Mitglieder Fachleute. Die
sächsische, württembergische und badische Staats-
eisenbahnverwaltung sowie die der Reichseisen-
bahnen in Elsaß-Lothringen beteiligen sich an den
Beratungen durch Entsendung von Vertretern. Die
gemeinsam behandelten Fragen erstrecken sich nicht
nur auf neue Wagen, sondern auch auf alle vor-
handenen.
Auf diese Weise werden Wagen erzielt, die allen
Anforderungen der Neuzeit auch in bezug auf Zweck-
mäßigkeit und Bequemlichkeit entsprechen, so daß-
die deutschen Personenwagen in ihrer Einrichtung
einen Vergleich mit denen des Auslandes nicht zu;
scheuen brauchen.
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