Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel IX.

Triebwagen.
Von Regierungs- und Baurat Loch im Königl. Eisenbahn-Zentralamt Berlin.

Häufige Fahrgelegenheiten wirken anregend auf
den Verkehr. Das gilt namentlich für den Personen-
verkehr in unserer Zeit, in der das hochentwickelte
Geschäftsleben danach drängt, an Zeit wo nur
möglich zu sparen. Die Eisenbahnverwaltungen sind
daher bestrebt, den Fahrplan immer weiter auszu-
gestalten. Dies Bestreben findet seine Grenze darin,
daß jeder Zugbetrieb in seinem Endergebnis auch für
die Eisenbahnverwaltung wirtschaftlich sein muß.
Lokomotivziige verursachen nach den Ausführungen
im Kapitel über das Fahrplanwesen hohe Auf-
wendungen. Der Lokomotivbetrieb ist am wirtschaft-
lichsten, wenn der Zug so lang gemacht wird, daß die
Zugkraft der Lokomotive voll ausgenutzt wird. Das
hißt sich aber nicht immer einrichten. Man hat auch
leichtere Lokomotiven in Betrieb genommen, um
kleinere Züge wirtschaftlich befördern zu können, und
dabei die Ausgaben noch dadurch herabgesetzt, daß
man den Heizer ersparte, indem man den Lokomotiv-
führer zugleich die Heizerdienste verrichten ließ. Die
kleinen Züge haben jedoch noch nicht genug Beweg-
lichkeit, um sich dem Verkehrsbedürfnis leicht an-
zuschmiegen. Ihre Fahrgeschwindigkeit ist meistens
gering. Auch können sie nicht auf jeder Station, wo
es aus wirtschaftlichen Gründen zweckmäßig wäre,
umkehren, weil bei jeder Änderung der Fahrtrichtung
die Lokomotive sich an das andere Ende des Zuges
umsetzen muß.
Der kleinste denkbare Zug ist der einzelne
Personenwagen, der sich ohne Lokomotive mit
eigener Kraftquelle fortbewegt. Läßt sich diese Kraft-
Quelle mit angemessenem Kostenaufwande schaffen,
so wird ein solcher Wagen, der Triebwagen, in vielen
Fällen im Personenverkehr außerordentlich nützlich
verwendet werden können. Durch Einfügung von
Fahrten solcher Triebwagen zwischen die vor-
handenen Personenzüge lassen sich auch bei ge-
ringerer Anzahl von Fahrgästen die Fahrgelegen-
heiten in wirtschaftlicher Weise vermehren; es
können auf Nebenlinien häufigere Verbindungen mit
den Hauptorten und bessere Anschlüsse zu den Zügen
auf den Hauptlinien geschaffen werden. Auch kann
auf den Hauptlinien manche Anschlußgelegenheit für
Grte, die zwischen den Haltestationen der schnell-

fahrenden Züge liegen, ermöglicht und die Einrichtung
des Vorortverkehrs in der Nähe großer Städte er-
leichtert werden.
Aus Erwägungen solcher Art sind die Be-
mühungen, brauchbare Triebwagen herzustellen, der
Eisenbahntechnik nicht neu. Erfolge von Bedeutung
sind dabei lange Zeit nicht erzielt worden. Erst
neuerdings haben die Fortschritte im Bau kleiner
Dampfkessel und Maschinen, sowie die Entwicklung
der elektrischen Akkumulatoren und leichter Trieb-
maschinen für flüssige Brennstoffe zu einer be-
deutenden Vervollkommnung der Triebwagen ge-
führt.
Bei Dampfwagen ist durch die Verwendung
stark überhitzten Dampfes von hoher Spannung, der
in sparsam arbeitenden kleinen Dampfmaschinen aus-
genutzt wird, die Wirtschaftlichkeit erhöht und durch
selbsttätige Feuerung mit Kohle oder öl die Rauch-
belästigung wesentlich vermindert worden. Die gün-
stigen Eigenschaften des rein elektrischen Betriebes
regten dazu an, die Verwendung der Akkumulatoren
für Triebwagen anzustreben und es ist gelungen,
Akkumulatoren von mäßigem Gewicht herzustellen,
die bei sachmäßiger und sorgfältiger Unterhaltung
einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen. Die
Automobilindustrie hat leichte Triebmaschinen für
flüssigen Brennstoff hervorgebracht, die trotz ihrer
Vielteiligkeit eine hohe Betriebssicherheit gewähren.
Dies gab Anlaß, Triebwagen mit solchen Trieb-
maschinen herzustellen. Unzuträglichkeiten für die
Reisenden, wie Erschütterungen und übelriechende
Gase sind dabei zwar nicht ganz zu vermeiden,
lassen sich aber auf ein erträgliches Maß bringen.
Die Anordnung von Verbrennungsmaschinen in
Verbindung mit elektrischer Kraftübertragung hat
sich namentlich für Triebwagen von großer Leistungs-
fähigkeit als vorteilhaft erwiesen.
Ob die Dampftriebwagen jemals ein Verkehrs-
mittel von Bedeutung werden, steht dahin. Da-
gegen ist schon jetzt zu übersehen, daß der Akku-
mulatortriebwagen und vielleicht noch mehr der
Verbrennungstriebwagen berufen ist, namentlich im
Personenzugverkehr der Eisenbahnen Lücken aus-
zufüllen, die in dem schwerfälligeren Lokomotiv-
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