Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel XV.

Die Wartung und Unterhaltung der Fahrzeuge.
Von Biber, Ministerialrat im Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten in München.

Die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit des
Eisenbahnbetriebs sind in hohem Maße von dem Zu-
stand und der Leistungsfähigkeit des Fahrparks ab-
hängig. Die sachgemäße Unterhaltung sowie die
rechtzeitige Erneuerung und Ergänzung der Fahr-
zeuge zählt deshalb mit Recht zu den wichtigsten
und verantwortungsvollsten Aufgaben der Eisenbahn-
verwaltungen.
Welche Bedeutung dieser Aufgabe auf deutschen
Bahnen zukommt, zeigen nachstehende Ziffern. Im
Jahre 1908 wurden nach der vom Reichseisenbahn-
amt erstellten Statistik von den deutschen Staats-
und Privat-Eisenbalmverwaltungen verausgabt:
Für Unterhaltung Für Erneuerung
der Fahrzeuge in und Ergänzung Summe
den Werkstätten der Fahrzeuge
a) Lokomotiven .. 94 128 007 M 48 758 288 M 142 886 295 M
b) Personenwagen 36 801 298 „ 23 917 710,, 60 719 008,,
c) Güter-, Gepäck -
u. Arbeitswagen 62 953 609 „ 31 875 367 „ 94 828 976 „
zusammen: 193882914 M 104 551 365 M 298434279 M*
Zur Ausführung der Unterhaltungsarbeiten waren
in den Eisenbahnwerkstätten im Durchschnitt täglich
80 437 Handwerker und
15 237 sonstige Arbeiter,
zusammen: 95 674 Mann beschäftigt.
Für die Unterhaltung und Untersuchung der
deutschen Eisenbahnfahrzeuge sind in erster Linie
die Sicherheitsvorschriften in den §§ 27, 43 und 44 der
Eisenbalm-Bau- und Betriebsordnung (abgekürzt BO)
für die Haupt- und Nebeneisenbahnen Deutschlands,
gültig vom 1. Mai 1905, maßgebend.
§ 27 der BO besagt: „Die Fahrzeuge müssen so
beschaffen und unterhalten sein, daß sie mit der
größten dafür zugelassenen Geschwindigkeit ohne
Gefahr bewegt werden können“.
Diese Vorschrift bedingt eine ständige Über-
wachung und eine sorgfältige Unterhaltung der im
Betrieb befindlichen Fahrzeuge sowie die sofortige
Behebung aller an ihnen auftretenden, die Sicherheit
beeinträchtigenden Mängel.
*) In diesen Summen sind die sehr beträchtlichen Ausgaben
für Schmierung und Reinigung der Fahrzeuge nicht enthalten.

Nach den §§ 43 und 44 der BO müssen sämtliche
Fahrzeuge, unabhängig davon ob sie Mängel auf-
weisen oder nicht, regelmäßig nach Ablauf gewisser
Zeiträume in allen Teilen gründlich untersucht werden.
Es ist einleuchtend, daß solche Bestimmungen,
besonders da ihr Vollzug von den staatlichen Auf-
sichtsbehörden streng überwacht wird, einen Grad
der Sicherheit verbürgen, der nicht zu iiberbieten ist.
Die Unterhaltung des Fahrparks ist, wie die
folgenden Abschnitte zeigen werden, ein viel-
gestaltiges Geschäft, das neben der Durchführung der
Sicherheitsmaßnahmen noch eine Reihe anderer Ar-
beiten umfaßt, die dazu dienen die Fahrzeuge be-
triebsbereit zu machen, das gute Aussehen der Fahr-
zeuge zu erhalten, die Behaglichkeit des Reisens zu
erhöhen, der Verbreitung ansteckender Krankheiten
vorzubeugen und dergleichen mehr.
1. Wartung und Untersuchung der
Lokomotiven.
Die Lokomotiven mit ihrem verwickelten
Mechanismus erfordern eine sehr sorgfältige Wartung
und Untersuchung, für die bei allen deutschen Bahn-
verwaltungen besondere Dienstanweisungen bestehen.
Nach diesen ist für die richtige Wartung der Lokomotiven
im Betrieb in erster Linie der Lokomotivführer verantwortlich.
Er ist gehalten bei seinem Dienstantritt sich von dem Zustand
der Feuerung und durch Offnen und Schließen der Hähne an
den Wasserstandsvorrichtungen von dem vorschriftsmäßigen
Wasserstand im Kessel zu überzeugen, die Lokomotive ein-
gehend auf ihre Diensttauglichkeit zu untersuchen und für die
Schmierung der beweglichen Teile zu sorgen. Während der
Fahrt hat er auch die Tätigkeit des Heizers, dem die Be-
dienung der Feuerung und des Kessels obliegt, zu überwachen
und fortgesetzt auf die Lokomotive und ihre Einzelteile zu
achten. Im Winter muß er bei Personenzügen, die mit Dampf
geheizt werden, auf die ordnungmäßige Heizung des Zugs ein
sorgsames Augenmerk richten. Bei längerem Aufenthalt in
Stationen hat er, soweit erforderlich, das Triebwerk nachzu-
ölen und festzustellen, ob die beweglichen Teile nicht heiß ge-
laufen sind.
Nach beendigter Fahrt ist der Lokomotivführer verpflichtet
den Vorrat an Speisewasser und, wenn angängig, auch die Vor-
räte an Brennstoff und sonstigen Materialien zu ergänzen, die
Dampfspannung allmählich zu vermindern, das Feuer, sofern es
nicht anders bestimmt wird, eingehen zu lassen und dafür zu
sorgen, daß der Rost geputzt wird, die Rauchkammer und der
Aschenkasten entleert und die Heizrohren des Kessels (Siede-
röhren) gereinigt werden.
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