Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 324
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/48-A-1087-1/0323
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
Kapitel XVIIJ.

Der Fahrdienst.
Von Cauer, Geheimer Baurat, Professor an der technischen Hochschule, Charlottenburg.

Die zu der Bildung und dem Verkehr der Eisen-
bahnzüge gehörenden Vorgänge und Verrichtungen
pflegt man unter dem Namen Fahrdienst zusammen-
zufassen. Die auf der Eisenbahn-Bau- und Betriebs-
ordnung aufgebauten für alle größeren deutschen
Eisenbahnen vereinbarten Fahrdienstvorschriften
regeln dieses besonders wichtige Gebiet.
Die Handhabung des Fahrdienstes macht, zumal bei der
Regelmäßigkeit, die ihr auf den deutschen Eisenbahnen eigen
ist, den Eindruck eines Riesenuhrwerkes. Diese Regelmäßig-
keit kommt aber nur zustande durch das Ineinandergreifen
einer Unzahl von Handlungen, die jede einzelne von der Über-
legung und dem Entschluß der sie ausführenden Beamten ab-
hängen. Die kleinste Versäumnis, der geringste Fehler können
nicht nur die Regelmäßigkeit des Zugbetriebes stören, sie können
die schwersten Unfälle hervorrufen. Wenn solche gleichwohl
zu den größten Seltenheiten gehören, so ist dies, abgesehen von
der Sachkenntnis und Pflichttreue der Beamten, darauf zurück-
zuführen, daß das Ineinandergreifen aller Vorgänge und Hand-
lungen, die in ihrer Gesamtheit das Hin- und Herlaufen der
Züge bewerkstelligen, durch eine großartige bis ins einzelne
gehende Organisation gewährleistet wird.

A. Bildung und Ausrüstung der Züge.
Damit die Züge, deren Fahrplanaufstellung im
vorigen Kapitel behandelt ist, tatsächlich fahren
können, ist vor allen Dingen erforderlich, daß man aus
dem vorhandenen Bestände an Wagen Gruppen von
solchen zusammenstellt, die nun — mit Lokomotiv-
kraft versehen —- als Züge verkehren können. In
dieser Beziehung müssen die einzelnen Gattungen der
Züge verschieden behandelt werden.

1. BildungderPersonenzüge.

a) Gattungen und Reihen
folge der Wagen.

Als Personenzüge be-
zeichnet man einmal all-
gemein alle hauptsäch-
lich zur Personenbeförderung dienenden Züge, dann
aber auch besonders die von ihnen, die nicht als vor-
zugsweise schnellfahrende Züge eine besondere Be-
zeichnung als Schnellzüge, Eilziige usw. erhalten. Bei
der Zugbildung steht in erster Linie die Betriebs-
sicherheit. In zweiter Linie sind Rücksichten auf die
gute Benutzbarkeit der Züge maßgebend.

Da bei Entgleisungen oder Zusammenstößen von Zügen er-
fahrungsgemäß der erste Wagen besonders gefährdet ist, so ist
nach Vorschrift der Betriebsordnung in schnellfahrenden Per-
sonenzügen, die von einer Lokomotive geführt werden, je nach

der Zuggeschwindigkeit, die vorderste Abteilung des ersten
Wagens oder der ganze erste Wagen als Schutzabteil oder
Schutzwagen von Reisenden freizuhalten. Von dieser Be-
schränkung sind im Dienste befindliche Eisenbahn- und Post-
beamte sowie Begleiter von Leichen und Tieren ausgenommen,
ln der Regel wird als Schutzwagen der Gepäckwagen (Pack-
wagen) vorangestellt, der in jedem Fernzug mitgeführt zu
werden pflegt, bisweilen auch der Postwagen, der nach Be-
stimmung des Eisenbahnpostgesetzes den meisten Zügen bei-
gegeben wird. Doch muß für dessen Stellung im Zuge möglichst
auf die Bedürfnisse des Postdienstes Rücksicht genommen
werden. Seine Verwendung als Schutzwagen wird tunlichst
vermieden. Häufig werden allerdings in neuerer Zeit solche
Schutzwagen verwendet, die zur Ersparnis an Zuggewicht
Räume für die Post und das Gepäck zugleich enthalten. Be-
sonders wichtig für die Sicherheit ist die Beschaffenheit der
Wagen. Gewisse Gattungen von Wagen müssen wegen
ihrer Bauart aus schnellfahrenden Zügen ausgeschlossen
werden, andere aus den besonders schnellfahrenden Zügen.
Wenn vor oder zwischen langen schweren Wagen
leichtere kurze Wagen laufen, so kann hierdurch sehr
leicht eine Entgleisung eintreten, indem bei Stauchungen
des Zuges die nachfolgenden Wagen die vorhergehenden
aus dem Gleise herausdrängen. Deshalb dürfen in
Schnell- und Eilzügen zwischen Drehgestellwagen Wagen
anderer Bauart im allgemeinen nicht laufen. Dreiachsige
Wagen, die in Schnell- oder Eilzüge eingestellt werden sollen,
in denen Wagen mit Drehgestellen laufen, müssen wenigstens
6 m Abstand der vordersten von der hintersten Achse und 16 t
Eigengewicht haben. Zweiachsige Wagen dürfen in Schnell-
und Eilzüge auf den deutschen Bahnen nur ausnahmsweise und
auf besondere Anordnung der Vorgesetzten Eisenbahnbehörde
eingestellt werden. Wenn in Personenzügen Güterwagen mit-
genommen werden sollen, so dürfen sie nicht zu kleinen Abstand
der vordersten von der hintersten Achse haben und sollen, soweit
Züge mit Luftdruckbremse in Frage kommen, im allgemeinen
mit Luftdruckbremse oder Leitung für solche ausgerüstet sein.
Güterwagenpaare, über die dieselbe Ladung reicht (Langholz-
wagen usw.) und Wagen mit ungewöhnlicher Kuppelung dürfen,
soweit sie in Zügen mit Personenbeförderung überhaupt zuge-
lassen sind, nicht unmittelbar vor oder hinter besetzte Personen-
wagen gestellt werden.
Soweit hiernach nicht Sicherheitsrücksichten aus-
schlaggebend sind, richtet sich die Auswahl und
Reihenfolge der Wagen nach praktischen Rücksichten
im Hinblick auf Zweck und Benutzung des Zuges.
Die zuschlagspflichtigen Schnellzüge werden jetzt größten-
teils aus Drehgestellwagen (Kap. VII) mit Seitengang
und Übergangsbrücken gebildet, die nach dem ersten
Vorgehen der preußisch-hessischen Staatsbahnen nicht nur
im innerdeutschen Verkehr, sondern auch im internatio-
nalen Durchgangsverkehr Eingang gefunden haben. Solche
Züge, Durchgangszüge oder D-Züge genannt, bieten nicht
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list