Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 347
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Kapitel XIX.
Personentarif.
Von v. Stieler, Präsidenten der Württembergischen Staatsbahnen in Stuttgart.

1. Allgemeines.
Im Eisenbahnverkehr wird Leistung und Gegen-
leistung grundsätzlich nicht von Fall zu Fall verein-
bart, sondern es werden im voraus für die ver-
schiedenen in Betracht kommenden Beförderungs-
leistungen die Bedingungen und die Vergütungssätze
festgestellt. Diese Festsetzungen bilden den Tarif,
über dessen allgemeine Grundsätze näheres im
Kap. XXII, das von den Gütertarifen handelt,
gesagt wird.
Die deutschen Staatsbahnen werden im all-
gemeinen — freilich mit verschiedenem Erfolg —
nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen verwaltet,
die aber durch Rücksichten auf das gemeinwirtschaft-
liche Interesse ganz wesentlich eingeschränkt werden.
Ihre Anwendung führt freilich noch nicht dazu,
daß bei jeder einzelnen Verkehrsleistung oder jeder
einzelnen Verkehrsart ein Reingewinn erzielt oder
auch nur die Betriebskosten gedeckt werden können.
So gilt es jedenfalls für eine größere Anzahl deutscher
Verwaltungen als ausgemacht, daß die Einnahmen
aus dem Personenverkehr die Selbstkosten dieses
Verkehrs nicht decken.

Selbstkosten.

Die untere Grenze bei der Aufstellung

von Tarifsätzen sollte gegeben sein
durch die Selbstkosten der einzelnen Leistung. Nun
begegnet es gewiß keinem Anstand, die Selbstkosten
des Gesamtbetriebs einer Eisenbahnverwaltung für
einen bestimmten zurückliegenden Zeitraum zu be-
rechnen; sie bestehen in der Verzinsung und Tilgung
des Anlagekapitals und in den Betriebskosten. Viel
schwieriger ist es, die Gesamtselbstkosten für einen
bestimmten Zeitabschnitt der Zukunft auch nur mit
annähernder Sicherheit festzustellen. Ganz un-
möglich aber ist es, die Selbstkosten auf die einzelnen
Leistungen zu verteilen.

Unbrauchbarkeit der Selbstkosten-
berechnung für die Tarifbildung.

Die Selbstkosten
der einzelnen
Verkehrsart oder
vollends der einzelnen Beförderungsleistung können
also für die Berechnung der Tarifsätze von keiner
ausschlaggebenden Bedeutung sein. Es hülfe auch
nichts, wenn wir sie genau berechnen könnten, denn
es wäre immer noch zweifelhaft, ob das Publikum
die danach berechneten Sätze bezahlen wollte. Geht
aber der Verkehr zurück, so erhöhen sich ja die
Selbstkosten der einzelnen Leistung und die Tarif-

sätze müßten demnach weiter gesteigert werden, so
daß die Personen, die auf die Benützung der Eisen-
bahn unbedingt angewiesen sind, deren Leistungen
mit ganz unerhörten Beiträgen zu bezahlen hätten.
Eine solche Entwicklung der Tarifsätze wäre selbst
da ausgeschlossen, wo keine Rücksichten auf den
Wettbewerb anderer Bahnen oder anderer Transport-
einrichtungen zu nehmen sind. Ebensowenig kann
eine Staatseisenbahnverwaltung eine Verkehrsart,
deren Beibehaltung sich aus volkswirtschaftlichen
Gründen empfiehlt, deswegen aufgeben, weil sie die
Selbstkosten nicht aufbringt. Wenn also, wie wir
heute glauben, die Einnahmen aus dem Personenver-
kehr die Selbstkosten dieser Verkehrsart nicht decken,
und selbst wenn es als ausgeschlossen erscheinen
würde, diese Einnahmen entsprechend zu steigern,
so muß doch der Personenverkehr weiter bedient
werden aus allgemeinen volkswirtschaftlichen
Gründen.
Wie es sonach gewagt ist, die Selbstkosten da-
durch aufbringen zu wollen, daß man die Tarife ohne
Rücksicht auf das Verkehrsbedürfnis erhöht, so ist es
auch unrichtig, in Hoffnung auf große Verkehrs-
zunahme dasselbe Ziel einfach durch Herabsetzung
der Tarife erreichen zu wollen. In letzterer Be-
ziehung haben einzelne Verwaltungen schlimme Er-
fahrungen gemacht. So haben die dänischen Staats-
bahnen ihren billigen Personentarif wieder erhöhen
müssen, und der neue Leiter der ungarischen Staats-
eisenbahnen, Präsident von Marx, hat in seiner Pro-
grammrede bei Übernahme des Amtes geäußert:
„Was die wirtschaftliche Seite der Staatsbahnen betrifft,
so muß man mit der allgemeinen Richtung Schritt halten und
die Einnahmen möglichst erhöhen. Es ist nicht begründet, daß
bei der herrschenden großen Teuerung unser Personentarif
der billigste auf dem Kontinente ist. Er muß also bei Wahrung
der Interessen des großen Publikums mäßig erhöht werden.“
Das bedeutet eine Umkehr von dem Weg, den
Ungarn durch Einführung des den Verkehr außer-
ordentlich steigernden Zonentarifs eingeschlagen
hatte.

Anhaltspunkte für die Festsetzung
der Personentarifsätze.

Wenn es auch
unmöglich ist,
die Tarifsätze
nach der Höhe der Selbstkosten zu bemessen, so geben
diese doch gewisse Anhaltspunkte für die Abstufung
der für die verschiedenen Leistungen zu fordernden
Beträge.
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