Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 361
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Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart,

Da, wie schon mehrfach erwähnt, die Einnahmen
aus dem Personenverkehr die Selbstkosten dieser
Verkehrsart jedenfalls bei einem Teil der deutschen
Stäatsbahnen nicht decken, sind die Verwaltungen am
übelsten daran, bei denen der Personenverkehr die
verhältnismäßig größte Rolle spielt. Sie werden
schwerlich die Selbstkosten ihres Qesamtbetriebs auf-
bringen. Andere Verwaltungen werden die geringe
Ergiebigkeit des Personenverkehrs leichter ertragen,
weil seine Ergebnisse ausgeglichen werden durch die
des Ciüterverkehrs und weil man auch vom finanziellen
Standpunkt aus wohl berechtigt ist, die Erträgnisse
der beiden Verkehrsarten zusammenzurechnen und
darnach das Gesamtergebnis zu beurteilen. Aus der
Anlage ist ersichtlich, wie sich der Personenverkehr
in den Jahren 1905—1908 entwickelt hat und wie die
einzelnen Wagenklassen hierbei beteiligt sind, wie
namentlich eine starke Abwanderung der Reisenden
in die IV. Klasse eingetreten ist. Zu allgemeinen
Änderungen des Tarifs hat man sich bisher noch
nicht entschlossen. Es könnte in dieser Beziehung
in Betracht kommen die Abschaffung der I. Wagen-
klasse, wenigstens in den Personenzügen, und die
Herabsetzung des Tarifs I. und II. Klasse. Die Ver-
ringerung der Wagenklassen, in den einzelnen Zügen
hat die bessere Ausnützung der Wagen zur Folge.
Durch die Herabsetzung des Tarifs der oberen
Klassen ließe sich eine Rückwanderung nach diesen
Klassen erreichen und damit eine Vermehrung der
Einnahmen ohne merkliche Steigerung der auf diese
Klassen fallenden festen Selbstkosten und ohne daß
die beweglichen Selbstkosten unterschritten werden
müßten.
Noch weitergehende Änderungen, z. B. der Über-
gang zu einem anderen Tarifsystem, möchten sich
nicht empfehlen. Sie bedeuten in finanzieller Hinsicht
einen Sprung ins Dunkle. Man darf dabei nicht ver-
gessen, daß der deutsche Personentarif sich allmäh-
lich zu seiner heutigen Gestalt entwickelt hat, und daß
auch seine Unebenheiten deswegen von allen Be-
teiligten verhältnismäßig leicht getragen werden. So
haben sich auch die Staaten, die durch die unzuläng-
lichen Erträgnisse der Personenbeförderung finanziell
beeinträchtigt sind, doch im großen und ganzen mit
der allmählich gewordenen Ordnung der Dinge ab-
gefunden.

Volkswirtschaftliche und soziale Ergebnisse. s
die größte Rolle der Umstand, daß jede stärkere Ver-
änderung der Tarife vom verkehrtreibenden Publikum
oder wenigstens von einzelnen Bevölkerungsteilen
unliebsam empfunden wird. Dies gilt sogar von Er-

mäßigungen, weil auch diese die einmal bestehenden
Erwerbs- und Wirtschaftsverhältnisse der einzelnen
Gegenden verändern. Viel mehr noch gilt das von
Tariferhöhungen. Rasche und starke Schwankungen
in den Beförderungspreisen beeinträchtigen die
Stetigkeit in der Entwicklung des Wirtschaftslebens.
Es ist bei der Darstellung und Kritik des deutschen
Reformtarifs wiederholt auf die Bedeutung einzelner
Tarifvorschriften für die Volkswirtschaft hingewiesen.
Einem Tarif, der im allgemeinen unter den Selbst-
kosten arbeiten läßt, wird man nicht nachsagen
können, daß er der volkswirtschaftlichen Entwicklung
schädlich sei. Die auch heute noch zahlreichen Aus-
nahmetarife mit ermäßigten Sätzen zeigen, daß die
deutschen Staatsbahnverwaltungen die Berücksichti-
gung der volkswirtschaftlichen und sozialen Aufgaben
des Staats bei Aufstellung des Tarifs nicht vergessen
haben. Es ist hier nur noch einmal an die Ausnahme-
tarife zugunsten der Arbeiter- und Schülerbeförde-
rung, an die Begünstigung der Fahrten zu wissen-
schaftlichen und belehrenden Zwecken und an die Er-
mäßigungen zugunsten der öffentlichen Kranken-
pflege zu erinnern.
Dann aber darf der Personentarif und sein Er-
gebnis auch vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt
aus nicht für sich allein betrachtet werden, sondern er
muß als ein Teil des ganzen Tarifsystems, also im
engsten Zusammenhang mit dem Gütertarif beurteilt
werden. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutsch-
lands in den letzten 40 Jahren hat mindestens gezeigt,
daß die Beförderungspreise der deutschen Eisen-
bahnen durchaus sachgemäße waren. Ja, wir werden
sagen können, daß unser Tarifsystem in Verbindung
mit der Betriebsführung unserer Bahnen die wirt-
schaftliche Blüte Deutschlands, an der alle Kreise des
Volks teilnehmen, mit zur Entfaltung gebracht hat.
Dieser volkswirtschaftlichen Bedeutung der Tarife ist
der größte Wert beizumessen, und wir glauben in
Deutschland, daß es ein Glück für ein Land ist, wenn
der Staat die Eisenbahnen verwaltet, weil nur er in
der Lage ist, dieser Bedeutung voll Rechnung zu
tragen. So weiß man z. B. in Württemberg — wenn ich
noch einmal von meinem engeren Heimatland reden
darf — ganz genau, daß die geringen Erträgnisse
unserer Bahnen, die sich namentlich aus dem ver-
hältnismäßig schwachen Massengüterverkehr und aus
der unverhältnismäßigen Entwicklung des Arbeiter-
verkehrs ergeben, in Kauf zu nehmen sind angesichts
der volkswirtschaftlichen Vorteile, die dem Lande
aus der bestehenden Gestaltung des Eisenbahntarif-
wesens erwachsen. Die billigen Personentarife sind
es in erster Linie, die uns die Verwertung des größten
Schatzes unseres Landes ermöglichen, des Fleißes
seiner Bewohner.
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