Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart.

keine oder keine gültige Fahrkarte vorzeigen können.
Diese Strafen (Zuschläge) sind ohne Rücksicht darauf
fällig, ob der Zug sich bereits in Bewegung gesetzt
hat oder nicht, ob den Reisenden eine Schuld trifft,
ob er in Unkenntnis handelt oder betrügen will; es
genügt für die Erhebung die Tatsache des Fehlens
einer gültigen Karte. Im Falle des Betruges ist straf-
rechtliche Verfolgung Vorbehalten.
Hinsichtlich der Höhe der verwirkten Strafe unterscheidet
das Gesetz, ob der Reisende unaufgefordert dem Schaffner oder
Zugführer meldet, daß er keine Fahrkarte habe lösen können,
oder ob er dieses unterläßt. Im ersten Falle ist ein Zuschlag
von 1 M. zu dem tarifmäßigen Preise, jedoch nicht mehr als
das Doppelte dieses Preises zu zahlen; im zweiten Falle ist das
Doppelte des tarifmäßigen Preises, mindestens aber 6 M. zu
entrichten.
Der doppelte Preis bemißt sich nach der Strecke, die der
Reisende zurücklegt oder, wenn die Zugangsstation nicht
sofort unzweifelhaft festgestellt werden kann, nach der Strecke,
die der Zug zurückgelegt hat. Der redliche (sich unaufgefordert
meldende) Reisende hat ein Interesse daran, daß möglichst nur
bis zur nächsten Station das doppelte Fahrgeld zu zahlen ist,
der unredliche Reisende, der mindestens 6 M. zu entrichten hat,
zieht dagegen einen Vorteil, wenn er möglichst weit für diese
6 M. befördert wird. Es entsteht die Frage, ob das doppelte
Fahrgeld bis zur nächsten Zugaufenthaltsstation oder bis zur
Station, auf welcher die regelwidrige Benutzung des Zuges
festgestellt wird, oder bis zur Station, auf welcher die Nach-
lösung erfolgt, zu entrichten ist. Die Nachlösung kann natur-
gemäß nur auf einer Station mit genügend langem Aufenthalt
stattfinden. Die Verkehrsordnung ordnet die Zahlung des
doppelten Fahrpreises für die mit ungültiger Fahrkarte zurück-
gelegte Strecke an; es muß deshalb der doppelte Fahrpreis bis
zur Nachlösestation entrichtet werden, weil der Reisende tat-
sächlich bis zu dieser Station die Strecke ohne Fahrkarte oder
mit ungültiger Fahrkarte zurückgelegt hat. Es fragt sich ferner,
wie die Reisenden zu behandeln sind, die zwar Fahrkarten
gelöst haben, aber in einer höheren Klasse oder in einem Zuge
mit höheren Preisen fahren. Streng genommen liegen ungültige
Fahrkarten vor; die Vorschriften der Eisenbahnen ordnen indes
übereinstimmend an, daß nur Zusatzkarten für den Übergang
in die höhere Klasse oder Zuschlagkarten für den Übergang
in den höher tarifierten Zug zu lösen sind, wenn der Reisende
vor Benutzung der höheren Klasse oder vor Besteigen des
Zuges sich gemeldet hat. Ist letzteres nicht der Fall, so wird
angenommen, daß ungültige Fahrkarten vorliegen; die vor-
gewiesenen Fahrkarten kommen also bei Bemessung des uach-
zulösenden Betrages nicht in Anrechnung. Der doppelte Fahr-
preis ist auch hier bis zur Nachlösestation zu entrichten; steigt
indessen der Reisende schon vor der Nachlösestation in die
niedrigere Klasse, auf welche seine Fahrkarte lautet, um, so
kann der doppelte Fahrpreis nur bis zur Umsteigestation ver-
langt werden, weil nur bis zu dieser die Strecke mit ungültiger
Karte zurückgelegt ist. Die Durchführung dieser Bestimmungen
der Verkehrsordnung, die keine Rücksicht auf ein Verschulden
des Reisenden nehmen, würde indessen in zahlreichen Fällen
zu nicht beabsichtigten Härten führen. Die Verkehrsordnung
überläßt es deshalb den Eisenbahnen, erleichternde Bestim-
mungen durch die Tarife zu geben, und von dieser Befugnis ist
Gebrauch gemacht. Von Erhebung der Zuschläge kann abge-
sehen werden:
a) wenn der Reisende gegen seinen Willen oder aus Un-
kenntnis eine Strecke befährt, für die seine Fahrkarte
nicht gilt, oder einen Zug benutzt, für welchen höhere
Fahrpreise erhoben werden, als nach Ausweis der Fahr-
karte bezahlt sind;

b) wenn auf einer Anschlußstation wegen Verspätung des
benutzten Zuges oder wegen kurzer Übergangszeit eine
Fahrkarte zur Weiterfahrt nicht gelöst werden konnte
und dies dem Schaffner unaufgefordert gemeldet ist;
c) wenn der Reisende in demselben Zuge über die Station,
bis zu der seine Karte gilt, hinausfahren will, dort aber
keine Zeit zur Lösung einer neuen Karte hat, oder wenn
er in einem Zuge, der auf der Bestimmungsstation seiner
Karte nicht hält, über diese hinausfahren will und dies
dem Schaffner spätestens auf der ursprünglichen Be-
stimmungsstation meldet;
d) wenn auf einer Station wegen Schalterschlusses keine
Fahrkarte gelöst werden konnte, weil der Schalter-
beamte den Zug abzufertigen hat.
Der Reisende ist ferner verpflichtet, die Fahr-
karte auf Verlangen beim Eintritt in den Warteraum,
beim Betreten und beim Verlassen des Bahnsteigs,
beim Einsteigen in den Wagen, sowie jederzeit
während der Fahrt vorzuzeigen und je nach den für
die letzte Fahrstrecke bestehenden Einrichtungen
kurz vor oder nach Beendigung der Fahrt abzugeben.
In früheren Jahren erfolgte die Prüfung der Fahrkarten
im Zuge; sie hatte den Vorzug, daß genau geprüft werden
konnte, ob die der Fahrkarte entsprechende Wagenklasse und
der entsprechende Zug benutzt wurde. Andererseits wohnten
dieser Prüfung Mängel bei, die von den Verwaltungen und von
dem Publikum empfunden werden mußten. Bei starkem Ver-
kehr wurden die Schaffner mit der Nachprüfung und dem Ein-
ziehen der Fahrkarten nicht fertig, sie kletterten während der
Fahrt an den Trittbretern der Wagen entlang, um Tür auf
Tür zu öffnen. Unglücksfälle waren die Folge. Das Publikum
empfand das häufige öffnen der Wagentüren, namentlich bei
kaltem oder regnerischem Wetter, als eine empfindliche Be-
lästigung. Um diesen Übelständen zu begegnen, ist in immer
größerem Umfange die Sperrung der Bahnsteige und die Ver-
legung der Fahrkartenprüfung an den Eintritt zum Wartesaal
oder Bahnsteig durchgeführt worden mit der ferneren günstigen
Wirkung, daß die Bahnsteige nur noch ihrem eigentlichen
Zweck dienen und freigehalten werden von lästigen Zuschauern.
Die Bahnsteigsperre ist oftmals scharfer Kritik begegnet, weil
bei ihr Unbequemlichkeiten mit in Kauf zu nehmen sind. Das
liegt aber im Wesen jeder Kontrolle, und die Behauptung, daß
es sich hier nur um eine fiskalische Maßnahme handelt, ist nicht
beweisbar. Die Fahrkartenkontrollc im Zuge findet nur noch
auf Strecken mit geringem Verkehr statt. Auf abgesperrten
Bahnhöfen werden die Fahrkarten beim Eintritt in die Sperre
geprüft, die Abgabe der Karten erfolgt beim Austritt aus der
Sperre. Auf Strecken ohne Bahnsteigsperre werden die Karten
kurz vor Erreichung der Zielstation abgenommen.
Eine Weigerung der Reisenden, sich der Prüfung
zu unterziehen, berechtigt die Eisenbahn zum Aus-
schluß von der Fahrt.

Die Rechte des Reisenden.

Die Fahrkarte enthält
den Hauptinhalt der
Rechte des Reisenden, sie gibt — außer dem Fahr-
preis — Strecke, Zuggattung und Wagenklasse an,
über die und in denen die Beförderung ver-
langt werden kann. Im übrigen ergeben sich die
Rechte des Reisenden aus der Eisenbahn- Verkehrs-
ordnung, den Tarifen und aus allgemeinen Rechts-
normen.
Der Reisende hat zunächst ein Recht auf Be-
nutzung der Warteränme, die mindestens eine Stunde
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