Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 377
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Kapitel XXI.

Reisegepäck und Expreßgut.
Von Gaitzsch, Ober-Regierungsrat bei der Generaldirektion der Badischen Staatsbahnen in Karlsruhe.

1. Reisegepäck.
_ Im Eisenbahnverkehr wurden schon früher
C"ri ' irn allgemeinen nur Gegenstände, die Reise-
bedarf bildeten, zur Beförderung als Reisegepäck
angenommen. Daneben wurden aber auch nicht zum
Reisebedarf gehörige Sachen als Gepäck befördert.
Nach dem jetzt für die deutschen Bahnen gelten-
den Tarif fallen unter den Begriff Reisegepäck, ab-
weichend vom Handgepäck, Gegenstände, die zum
Zweck der Ausführung der Reise mitgeführt und der
Eisenbahn zur Beförderung übergeben werden. Die
Zweckbestimmung muß auch an der Art der Ver-
packung: Koffer, Reisekörbe, Reisetaschen, Hut-
schachteln, handliche Kisten und dergleichen, er-
kennbar sein.
Den Bedürfnissen des Verkehrs entsprechend
können aber auch nicht zu den eigentlichen Reise-
bediirfnissen zählende, im Tarif namentlich aufge-
führte Gegenstände, ferner Tiere in Behältern, aus-
nahmsweise auch Fahrzeuge, als Gepäck angenommen
werden.
Als Reisegepäck werden nach den im Tarif näher
angegebenen Bestimmungen weiter angenommen:
a) Fahr- und Rollstühle,
b) Kinderwagen,
c) Ausriislungsgegenstünde der freiwilligen Sanitäts-
kolonnen,
d) Musikinstrumente, sowie Geräte von Artisten und Schau-
stellern,
e) Meßinstrumente und Handwerkszeug,
f) Fahrräder, Handschlitten, Schneeschuhe und Schlitt-
schuhsegel,
g) Warenproben (Muster), von Geschäftsreisenden,
h) Marktwaren und Hausiererwaren,
i) kleine Tiere, sowie Jagdhunde,
k) frisch geschossenes Wild.
Der Tarif führt diese nicht zum Reisebedarf ge-
hörigen als Gepäck zugelassenen Gegenstände er-
schöpfend auf, andere Gegenstände können zur Ge-
päckbeförderung nur zugelassen werden, wenn sie im
Wege der Weiterbildung des Tarifs in diesen auf-
genommen sind.
Zur Beförderung als Gepäck werden zugelassen Land-
(Straßen-) Fahrzeuge und Wasserfahrzeuge, die im Packwagen
untergebracht werden können, sofern sie sich zur Beförderung
mit Zügen für den Personenverkehr eignen. Hierher gehören
auch einsitzige Motorfahrräder, deren Brennstoffbehälter ent-
leert sind.
Als Reisegepäck angenommen werden ferner Gold- und
Silberwaren, Geld, Papiere mit Geldwert, Dokumente, Edelsteine,

echte Perlen, wertvolle Spitzen und Stickereien, sowie Kunst-
gegenstände, wenn
a) die Gepäckstücke fest verschlossen sind,
b) der Inhalt und der Wert angegeben sind. Der Wert oder
das Interesse an der Lieferung darf mit mehr als 500 M.
nicht angegeben sein.
Hat so begrifflich die Beförderungsart Reise-
gepäck eine dem wirklichen Bedürfnis angepaßte
Bestimmung erfahren, so ist andererseits die zweck-
entsprechende Inanspruchnahme des Tarifs durch die
einschränkende Bedingung gesichert worden, daß der
Aufgeber von Gepäck eine gültige Fahrkarte vor-
zeigen muß.
Den Begriff Reisegepäck etwas enger zu fassen
und die Abfertigung vom Vorweis einer Fahrkarte ab-
hängig zu machen, war für die Einführung des neuen
Tarifs Voraussetzung, da dessen Taxen so niedrig
sind, daß sie in höheren Gewichtsstufen und auf
größere Entfernungen meist unter den Sätzen für
Eilgut- und Expreßgut, vereinzelt sogar unter den
Frachtgutsätzen bleiben.
^ J ,, Der angenommene, nachstehend
an ges a utig. wjecier gegebene Gepäcktarif ist
ein Zonentarif mit von einer gewissen Ent-
fernung ab unveränderlichen Sätzen. Der für den
Aufbau maßgebend gewesene Grundgedanke, wonach
als Fracht für je 25 kg und je 50 km 25 Pf. erhoben
werden sollen, ist leicht zu erkennen. Um Ungleich-
heiten zu vermeiden und eine allzu auffällige Unter-
bietung der Expreßgut- und Eilgutfrachtsätze hint-
anzuhalten, mußte teilweise vom ursprünglichen Auf-
bau abgewichen werden. Auch die durch Wegfall des
Freigepäcks eintretende Verteuerung und ihre Folge-
wirkungen haben eine gewisse Berücksichtigung ge-
funden.
Der neue Gepäcktarif ist von sämtlichen deutschen Staats-
bahnen und allen wichtigeren Privatbahnen angenommen worden.
Grundsätzlich wird Reisegepäck zu den Sätzen des Gepäcktarifs
nur angenommen gegen Vorlage von Fahrkarten für die ent-
sprechende Strecke. Abfertigung von Gepäck kann auch nach
einer Zwischenstation der Strecke, für die die Fahrkarte lautet,
erfolgen, um Reisenden, die von der Fahrtunterbrechung Ge-
brauch machen, Abfertigungsmöglichkeit zu schaffen. Von der
Zwischenstation kann das Gepäck auf die gleiche Fahrkarte
weiter aufgegeben werden. Da durchgehende Fahrkarten nicht
nach allen Stationen, nach denen Gepäckabfertigung möglich ist,
vorhanden sind und auch unter Zuhilfenahme der Blanko-
abfertigung nicht ausgestellt werden können, ohne die Tarife
zu umfangreich zu gestalten, ist Reisegepäck zu den Gepäck-
sätzen auch nach einer über die Bestimmungsstation der Fahr-
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