Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel XXIII.

Güter-Abfertigung und -Beförderung.
Von v. Schaewen, Geheimem Regierungsrat und Vortragendem Rat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten zu Berlin.

Der Giiterabfertigungsdienst umfaßt die Vor-
bereitung, den Abschluß und die völlige Abwicklung
des Frachtvertrages, der Beförderungsdienst die
Verladung und Entladung der Güter, sowie ihre Be-
handlung auf dem Wege von der Abgangs- bis zur
Zielstation. Giiterabfertigungs- und Beförderungs-
dienst sind im großen und ganzen auf den deutschen
Eisenbahnen einheitlich geregelt. Dieser Erfolg ist
dem „Deutschen Eisenbahnverkehrsverbande“ zu
danken, der — im Jahre 1886 aus dem norddeutschen
„Tarifverbande“ hervorgegangen —- die Fortbidung
der Abfertigungs-, Beförderungs- und Abrechnungs-
vorschriften sich zur Aufgabe gesetzt hat. Dem
Deutschen Eisenbahnverkehrsverbande gehören
sämtliche deutschen Staatseisenbahnen, sowie die
meisten deutschen Privateisenbahnen an. Die von
ihm aufgestellten Allgemeinen Abfertigungs- und Be-
förderungsvorschriften haben die Natur innerer
Dienstanweisungen. Soweit es sich um Rechte und
Pflichten der Verkehrtreibenden aus dem Fracht-
verträge handelt, sind die Bestimmungen in der
Eisenbahn-Verkehrsordnung und in den veröffent-
lichten Tarifen enthalten. Die für die Abfertigung
und Beförderung der Güter gegebenen Bestim-
mungen gelten auch für Eilgüter und lebende Tiere,
soweit sich nicht Abweichungen aus der Natur dieser
Sendungen ergeben.
Zur Wahrnehmung des Abfertigungsdienstes be-
stehen auf den Bahnhöfen die Güter- und Eilgut-
abfertigungen. Handelt es sich um Bahnhöfe mit
stärkerem Verkehr, so sind die Güter- und Eilgut-
abfertigungen als selbständige Dienststellen in be-
sonderen Räumen eingerichtet. Unter einfacheren
Verhältnissen wird der Abfertigungsdienst von den
Beamten der Station unter der Firma der Güter-
oder Eilgutabfertigung wahrgenonnnen.
Bei der Abferti-

Wagenladungcn und Stückgüter.

gung und Be-

förderung der Güter ist zu unterscheiden zwischen
Stückgütern und Wagenladungsgütern. Während
Wagenladungsgüter vom Absender zu verladen und
vom Empfänger zu entladen sind, wird die Ver- und
Entladung der Stückgüter — in der Regel gebühren-
frei — von der Eisenbahn besorgt. Für die Lagerung
der Stückgüter bis zu ihrer Verladung oder Aus-
lieferung bestehen auf den Bahnhöfen Güter-
schuppen, an dehen die Annahme und Ausgabe der

Stückgüter erfolgt. Das An- und Abfahren der
Stückgüter nach und von dem Güterschuppen ist
Sache der Verkehrtreibenden. Doch kann die Eisen-
bahn die Stückgüter gegen eine durch Aushang be-
kannt zu machende Gebühr selbst anfahren und zu-
führen oder Rollfuhrunternehmer dafür bestellen.
Die Abholung und Zuführung der Stückgüter durch
die Eisenbahn ist in Deutschland im Gegensatz zu
anderen Ländern im allgemeinen nicht üblich. Da-
gegen sind an allen Orten, an denen das Bedürfnis
besteht, Rollfuhrunternehmer für diesen Zweck be-
stellt. Für das Verhältnis zwischen der Eisenbahn
und den Verkehrtreibenden ist es gleichgültig, ob die
Stückgüter durch die Eisenbahn selbst oder durch
einen bahnamtlich bestellten Rollfuhrunternehmer
abgeholt und zugeführt werden. Denn gegen-
über den Verkehrtreibenden gilt auch der bahn-
amtlich bestellte Rollfuhrunternehmer als An-
gestellter der Eisenbahn, für den die Eisenbahn
haften muß. Um die Anfuhr der Stückgüter nach
Möglichkeit zu erleichtern, werden die Aufträge zur
Abholung der Stückgüter im Bereiche verschiedener
Eisenbahnverwaltungen von den Güterabfertigungen
entgegengenommen. Ferner sind an manchen Orten
besondere Anmeldestellen zur Entgegennahme von
Abholungsaufträgen eingerichtet, oder es werden von
den Eisenbahndienststellen unentgeltlich Anmelde-
karten zur schriftlichen Anmeldung abgegeben, die
unfrankiert in den Postbriefkasten gesteckt werden
können.

Anfuhr der Stückgüter.

Die Anfuhr der Stückgüter zum Güter-
schuppen vollzieht sich auf der An-
fahrtstraße (Ladestraße), ihre Annahme an den Annahmeluken
des Schuppens. In der Regel steht es dem Auflieferer frei, ati
welcher Luke er das Gut aufgeben will. Vielfach müssen die
Güter aber, um eine geordnete Verkehrsabwicklung zu ermög-
lichen, richtungsweise angeliefert werden, d. h. die Annahme
erfolgt je nach der Verkehrsrichtung, für die das Gut bestimmt
ist, nur an der dafür bestimmten Annahmeluke. Nach der Ge-
schäftsgewohnheit der Verkehrtreibenden ist die Auflieferung der
Stückgüter am stärksten in den Abendstunden. Wegen der
vielen Unzuträglichkeiten, die das starke Zusammendrängen der
Stückgut-Auflieferung auf einen kurzen Zeitraum für die Ver-
kehrsabwicklung zur Folge hat, ist das Streben der Eisenbahnen
von jeher darauf gegangen, die Verfrachter zu einer möglichst
gleichmäßigen Stiickgutanfuhr zu bewegen. An vielen
Orten ist man deshalb dazu übergegangen, den An-
nahmeschluß, der in der Regel um 7 Uhr abends
stattfindet, auf eine frühere Stunde, beispielsweise auf
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