Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

Page: 466
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Kapitel XXVII.

Die Eisenbahnverwaltungs-Ordnung.
Von Ministerialrat v. Völcker im Bayerischen Verkehrs-Ministerium in München.

1. Begriff und Aufgabe der Eisenbahn-
Verwaltungs=Ordnung.
A. Vielgestaltigkeit der Arbeit im
Eisenbahnbetriebe.
Wer heute die weite Vorhalle eines modernen
Qroßstadtbahnhofes betritt, eilig seine Fahrkarte
löst, sein Gepäck aufgibt und im Strome der zu und
von den Bannsteigen flutenden Menschenmassen
mühelos den Zug findet, der in der hoch gewölbten
Einsteighalle wohl geheizt, beleuchtet, mit Speise-
und Schlafwagen und allem modernen Komfort aus-
gestattet, bereit steht, um ihn nach wenigen Minuten
durch Nacht und Wetter einem fernen Ziele zuzu-
führen, — der gibt sich meist nicht Rechenschaft
darüber, welcher Summe von schaffender und ord-
nender Tätigkeit des Menschengeistes es bedurft hat
und fortgesetzt bedarf, um der anspruchsvollen
Gegenwart die Verkehrseinrichtungen zur Verfügung
zu halten, deren sie ohne die empfindlichsten Stö-
rungen und Schädigungen auch auf kurze Frist nicht
mehr zu entraten vermag.
Freilich beruht das Wesen des Eisenbahnbetriebes
zunächst nur auf der technischen Verwertung des
Grundgedankens, große Massen auf der glatten
Schienenstraße maschinell fortzubewegen, und doch
kennt die vielgestaltige Entwicklung der Neuzeit kein
Wirtschaftsgeld^, das auf das einheitliche Zu-
sammenwirken so weiter Gebiete menschlichen
Wissens und Schaffens und auf das Ineinandergreifen
so vieler Menschenhände angewiesen ist, wie der
Eisenbahngroßbetrieb. Naturwissenschaft, Technik
und Baukunde, Rechts-, Staats- und Handelswissen-
schaft, Volks- und Staatswirtschaftslehre helfen ihm
seine Aufgaben erfüllen. Uber 700 000 Arbeitskräfte
der verschiedensten Berufsrichtungen und Vorbildung,
deren Entlohnung jährlich weit über 1 Milliarde Mark
erfordert, sind allein bei den normalspurigen Eisen-
bahnen Deutschlands jahraus, jahrein beschäftigt.
Über ein Drittel des gesamten Beamtenheeres der
deutschen Staaten und über ein Drittel ihrer Staats-
ausgaben dient dem Eisenbahnbetrieb.

B. Organisation der Arbeit im Eisen-
bahnbetriebe.

Eisenbahn-Verwaltungsordnung.

Wo so viele Kräfte
tätig werden müs-
sen, bedarf es einer ordnenden Hand, die jedem

seinen Platz anweist, und eines waltenden Geistes,
der vorausschauend für die tausenderlei Bedürfnisse
vorsorgt und die Arbeit durch geschickte Gliederung
zu höherer Entfaltung bringt. Es ist die Eisenbahn-
Verwaltungsordnung, die im Organismus des Eisen-
bahnbetriebes diese Funktionen zu erfüllen hat.
Wie jeder Großbetrieb, so beruht auch der Eisen-
bahnbetrieb auf einer weitgehenden Arbeitsteilung.
Versteht man unter Eisenbahnverwaltung im
weitesten Sinne die gesamte Tätigkeit, die in einem
Eisenbahnunternehmen geleistet wird, so besteht die
Aufgabe der Eisenbalm-Verwaltungsordnung darin,
diese Tätigkeit zu organisieren, d. i. die Organe zu
bestimmen, denen örtlich, sachlich und instanziell die
einzelnen Verrichtungen obliegen.
Gegenstand der Eisenbahn-Verwaltungsordnung
ist hiernach die Einrichtung der Eisenbahndienst-
stellen, die Abgrenzung ihres Wirkungskreises und
die Regelung ihres Geschäftsverfahrens.

C. Gliederung der Eisenbahn-
Verwaltung.

Örtliche Gliederung.

Es liegt in der Natur des
Eisenbahnbetriebes, daß die
von ihm zu leistende Arbeit sich räumlich verteilt,
darum müssen zum mindesten die Organe des aus-
führenden Dienstes, d. i. die Stellen, die den Betrieb
zu leisten, die Züge durchzuführen, die Reisenden
und Güter abzufertigen, das Fahrmaterial und die
Bahnanlagen zu unterhalten haben, räumlich ausein-
ander liegen. Der Eisenbahnbetrieb bedarf also in
jedem Falle einer örtlichen Gliederung seiner Ver-
waltung.

Instanzielle Gliederung.

Die örtlich getrennten äuße-

ren Dienststellen müssen
aber einer einheitlichen Leitung unterstehen, die die
Tarife und Bestimmungen für die Beförderung von
Personen und Gütern erläßt, den Fahrplan für die Züge
festsetzt, die Dienstausübung durch Vorschriften
ordnet, die Aufnahme und Besoldung des Personals
regelt und für dessen Wohlfahrt sorgt, das Kassen-
und Rechnungswesen verwaltet, das Unternehmen in
seinen Rechtsangelegenheiten vertritt, die Verträge
mit den Nachbarverwaltungen und mit Dritten ab-
schließt, den Grundbesitz verwaltet, die Materialien
beschafft, die Pläne für die Bahnanlagen und Fahr-
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