Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel XXIX.
Verhältnis zu andern Bahnen.
Von Dr. Redlich, Regierungsrat bei der Eisenbahndirektion Berlin.

Aj Der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen,
seine Ziele, Ausdehnung, Einrichtungen und
sein Nutzen.
Das Gesetz vom 3. November 1838, womit
die preußische Regierung die Verhältnisse des
Eisenbahnwesens rechtlich regelte, war für die
Verbandsbildung unter den Eisenbahnen insofern
von besonderer Bedeutung, als einzelne seiner
strengen Bestimmungen eine Bewegung unter
den preußischen Eisenbahnunternehmungen her-
vorriefen, die dahin führte, daß im Jahre 1846 auf
Anregung der Berlin-Stettiner Bahn die 10 größten
preußischen Verwaltungen zu einer Beratung über
die Grundsätze für ein neues vorzuschlagendes
Eisenbahngesetz zusammentraten. In dieser Be-
ratung vom 10. November 1846 wurde beschlossen,
„einen Verband der preußischen Bahnen“ zu gründen,
um „die Bestrebungen der Eisenbahnverwaltungen
durch Einmütigkeit zu fördern und dadurch ebenso
sehr den eigenen Interessen als denen des Publikums
zu dienen“.
Diese schlichten Worte, die noch heute, in etwas
gedrängterer Fassung, an der Spitze der Satzungen
des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen
stehen, sind im gewissen Sinne zum Wahrspruch des
Vereins geworden, der ihn während der langen Zeit
seines Bestehens vor einer einseitigen mit den all-
gemeinen Verkehrsbedürfnissen nicht im Einklang
stehenden Interessenpolitik bewahrt hat.
Nachdem sich dem Verband der preußischen
Bahnen alsbald eine Reihe von Eisenbahnen aus dem
übrigen Gebiet des deutschen Bundes angeschlossen
hatten, nahm er in der Verbandsversammlung zu
Hamburg im Jahre 1847 den Namen „Verein
deutscher Eisenbahnverwaltungen” an. Zum
Erwerb der Mitgliedschaft wurden alle solche
Eisenbahnverwaltungen für berechtigt erklärt,
die in Deutschland, d. h. im Gebiete des ehemaligen
deutschen Bundes ihren Wohnsitz hatten. Der Ver-
ein umfaßte im Jahre 1850 schon 44 deutsche Ver-
waltungen mit einer Betriebslänge von 5238 km und
4 österreichisch - ungarische Verwaltungen mit
1630 km Länge, zusammen 48 Verwaltungen mit
einem Bahnnetz von 6868 km. Es ergab sich

aber bald das Bedürfnis, die räumliche Grenze
des Vereinsgebiets zu erweitern, um einzelnen
Nachbarverwaltungen, die besonders enge Be-
ziehungen zu den Vereinsbahnen unterhielten, den
Beitritt zu dem Verein zu ermöglichen. Nachdem
daher schon im Jahre 1858 Eisenbahnverwaltungen
solcher Länder für beitrittsberechtigt erklärt worden
waren, die zwar nicht zum deutschen Bund ge-
hörten, aber unter einer deutschen Bundesregierung
standen, wurde es im Jahre 1864 für zulässig erklärt,
ausnahmsweise auch andere als deutsche Verwal-
tungen in den Verein aufzunehmen, sofern sie mit
einer Vereinsbahn im direkten Verkehr ständen.
Nach den politischen Veränderungen der Jahre 1866 und
1870/71 wurde das Vereinsgebiet in der Weise umgrenzt, daß
es das Deutsche Reich, die österreichisch-ungarische Monarchie,
das Königreich der Niederlande und das Großherzogtum
Luxemburg umfassen sollte. Die Bestimmung, daß der Bei-
tritt auch anderen Bahnen ausnahmsweise gestattet werden
könnte, blieb bestehen.
Da jedoch der wirtschaftliche Aufschwung in dem Ver-
einsgebiet die Gründung vieler kleiner Eisenbahnunternehmun-
gen begünsigt hatte, die für den durchgehenden Verkehr zwar
von keiner Bedeutung waren, gleichwohl aber wegen der hier-
mit verknüpften Vorteile den Anschluß an den Verein
erstrebten, sah sich der Verein schon im Jahre 1867 veranlaßt,
gewisse einschränkende Bedingungen für die Aufnahmefähig-
keit neuer Bahnen festzusetzen, die im Laufe der Zeit sogar
verschärft wurden. Die zurzeit geltenden Satzungen lassen
nur die Aufnahme normalspuriger Bahnen zu, die eine zu-
sammenhängende Länge von mindestens 100 km haben und
dem öffentlichen Personen- und Güterverkehr dienen; auch
müssen sie mit Dampf- oder elektrischer Kraft betrieben
werden und Anschluß mit unmittelbarem Wagenübergang an
eine Vereinsbahn haben. Es soll durch diese Vorschriften
lediglich bewirkt werden, daß nicht etwa die kleinen Bahnen
mit rein örtlichen Verkehrsinteressen einen maßgebenden Ein-
fluß in den Vereinsangelegenheiten erlangen und hierdurch zu
einem Hindernis für die Gleichmäßigkeit und Stetigkeit der
Entwicklung der gemeinsamen Verbandseinrichtungen werden.
Hingegen lag es nicht in der Absicht, kleinere Bahnen von der
Teilnahme an einzelnen Einrichtungen des Vereins überhaupt
auszuschließen, sofern sie den Anschluß an letztere im eigenen
Interesse suchten. Es kann daher auch dem Verein nicht zu-
gehörigen Bahnen gestattet werden, daß die Vereinseinrich-
tungen in ihrem Verkehr mit den Vereinsbahnen Anwendung
finden sollen, wenn sie sich den für jene Einrichtungen maß-
gebenden Vereinsbestimmungen und den etwa — wie z. B. für
die Anwendung des Vereinswagenübereinkommens — zu
stellenden besonderen Bedingungen unterwerfen.
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