Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 254
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Dampfzylinder.

durchgellenden Leiste auf dem Rahmen. Die Schrauben
sollen möglichst genau in die zugehörigen Löcher
passen und sind mit schweren Hammerschlägen ein-
zutreiben. Der Schieberkasten, in dem der die Dampf-
verteilung bewirkende Schieber 5 (Abb. 225 und 227)
liegt, ist, wie bei den kontinentalen Lokomotiven
allgemein üblich, mit dem Zylinder in einem Stück
hergestellt und durch einen entsprechenden Ausschnitt
des Rahmenblechs nach innen hindurch gesteckt.
Zur Erhaltung der richtigen Zylinderlage in der
Längsrichtung sind oft besondere Paßstücke in dem
Ausschnitt zwischen Rahmen und Zylinder befestigt.
In den Schieberkasten mündet von oben her das
Dampfeinströmrohr ein, durch das der von dem
Kessel kommende frische Dampf zugeführt wird;
dieser gelangt durch die rechteckigen Eintrittskanäle
E Ex (Abb. 226 und Abb. 227), je nach der Stellung
des Schiebers, hinter oder vor den Kolben. Wenn
der frische Dampf durch E hinter den Kolben strömt,
so kann der vor dem Kolben befindliche, von dem
vorhergehenden Kolbenschub vorhandene Dampf
durch Ex unter dem Schieber her in den Dampfaus-


trittskanal A und aus diesem durch das nach oben
abzweigende Ausströmmungsrohr in das Blasrohr
gelangen.
Die Abb. 232 zeigt den Schnitt durch einen Nieder-
druckzylinder mit gemeinsamen Hoch- und Nieder-
druckschieberkasten samt Kolbenschieber der von
Gölsdorf gebauten 1-F-Lokomotive (Serie 100) der
österr. Staatsbahnen.
Der Dampfkolben besteht aus drei Haupt-
teilen: dem scheibenartigen Ko Iben kör per,
den in diesem liegenden Dichtungsringen
und der Kolbenstange; ersterer dient zur
Aufnahme des Dampfdrucks und Weiterüber-
tragung desselben durch die mit ihm fest ver-
bundene Kolbenstange auf den Kreuzkopf, bzw.
das Kurbelgetriebe, während die Dichtungsringe
nur den dampfdichten Anschluß an die Zylinder-
wand bewirken. Die Kolbenkörper werden jetzt
meistens scheibenartig mit erhöhten Rändern
geformt und aus Schmiedeeisen oder Stahl her-
gestellt, um sie bei genügender Festigkeit
möglichst leicht halten zu können; jedoch sind
auch noch viele gußeiserne Kolbenkörper in

Anwendung; die ersteren verdienen indessen
entschieden den Vorzug. Die Bauart der
Kolben geht aus den Abb. 221 bis 232 hervor.
Eine Bauart eines gußeisernen Kolbenkörpers ist
in Abb. 221 wiedergegeben, bei der der Körper zur
Erzielung eines möglichst geringen Gewichts hohl
gegossen ist.
Die Dichtungsringe, deren gewöhnlich zwei an
jedem Kolben sind, werden fast allgemein aus Guß-
eisen als selbstfedernde Ringe hergestellt; ihre Kon-
struktion und Anordnung geht aus Abb. 222 und 223
hervor. Jeder Ring liegt gewöhnlich in einer besonderen
Nut und muß sowohl in dieser mit den beiden
Stirnflächen a a und b b (Abb. 223), wie auch in dem
Zylinder mit der äußeren Mantelfläche dampfdicht
anliegen; ersteres wird dadurch erreicht, daß der
Ring zunächst annähernd aufrichtige Höhe abgedreht
und alsdann durch Schaben und Abschleifen voll-
ständig genau in die Nut passend gemacht wird.
Im Lauf des Betriebs erweitern sich allmählich die
Ringnuten, sie „schlagen sich aus", so daß die Ringe
nicht mehr dicht anliegen; diese müssen alsdann
durch breitere ersetzt und die Nuten nachgedreht
werden.
Zur Erzielung des dampfdichten Amschlusses an
die innere Zylinderwand müssen die Ringe mit einem
gewissen Druck gegen diese gepreßt werden; man
suchte dies früher vielfach dadurch zu erreichen, daß
man in die an einer Stelle durchschnittenen Ringe
besondere Federn ein legte; gegenwärtig bewirkt man
jedoch wie oben bemerkt, fast allgemein das voll-
kommene Anliegen durch die eigene Elastizität.
Zuweilen gibt man den Ringen eine veränderliche,
nach der Schnittfläche hin abnehmende Dicke, um
ihre Federkraft zu vergrößern und gleichmäßiges
Anliegen ringsherum zu erreichen. Das genaue, dichte
Anliegen erzielt man häufig auch dadurch, daß man
die Ringe in einen auf das Maß der Zylinderbohrung
ausgedrehten, geschlossenen schmiedeisernen Ring
einspannt und durch Überhämmern der Innenseite
ein vollkommenes Anliegen der Außenseite der Kolben-
ringe herbeiführt; das Überhämmern vergrößert
außerdem in wirksamer Weise die Federkraft und
hat sich bei vielen Ausführungen gut bewährt, er-
fordert jedoch Geschicklichkeit der Arbeiter.
Kolbenringe, die durch den Gebrauch in ihrer
Federkraft nachgelassen haben, können auch durch
Überhämmern wieder brauchbar gemacht werden,
sofern sie nicht durch den Verschleiß zu dünn ge-
worden sind.
Besondere Sorgfalt ist der Befestigung zwischen
Kolbenstange und Kolbenkörper zuzuwenden. Bei
dem Kolben (Abb. 227 u. 229) ist die Nabe ganz
schwach konisch ausgebohrt, auf das entsprechend
abgedrehte Ende der Stange dicht schließend
aufgeschliffen und schließlich die Stange durch
Niederstauchen vernietet. Nach einer anderen Aus-
führung (Abb. 232) ist die Stange ebenfalls mit einem
in die Nabe des Körpers eingeschliffenen Konus und
hinter diesem mit Schraubengewinde versehen, so daß
durch die aufgeschraubte Mutter der Kolbenkörper
fest auf den Kegel gedrückt wird; hierbei können
beide Stücke, Kolbenstange und Kolbenkörper, leicht
wieder getrennt werden. Die Schraubenmutter ist ge-
gen selbsttätiges Lösen durch einen durchgesteckten
Stift oder in anderer Weise zu sichern. Seltener bringt
man auch das Schraubengewinde unmittelbar in der
Nabe des Kolbens an, da man bei dieser Ausführung
bei krumm gewordenen Kolbenstangen diese von
dem Körper oft kaum mehr trennen kann.
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