Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 276
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Desinfektion.

förmigen Stoffen, wie Kalk, zermahlenem Torf,
Kohlenpulver, Gips, F.rde n dgl. Die D. mit Karbol-
säure ist in den meisten Fällen sehr wirksam, hat
aber den Nachteil, daß der Karbolgeruch den Wagen
ott mehrere Wochen anhaftet, so daß bei Ver-
ladung von empfindlichen Waren, wie Getreide, Mehl,
Zucker, Fier, Fleisch, Salz, Butter, Gerste, Malz
u. s. w. in solche selbst scheinbar geruchlose Wagen
ein Verderb der Waren herbeigeführt werden kann.
Gleiche Wirkung wie die Karbolsäure hat auch
das Kreosot, das durch Destillation aus dem
Holzkohlenteer hergestellt wird; da es aber erheblich
teurer ist als die Karbolsäure, so wird es selten
zur D. verwendet.
Auch das in Paraffinrabriken als Nebenprodukt
gewonnene Kreosot natron, das meist billig zu
haben ist, wird als D. verwendet.
Gegen Milzbrandsporen ist Karbolsäure unwirk-
sam.
Kresol (Kresylsäure), aus den nächsten Homologen
des Phenols (Methylphenole und Oxytoluole) be-
stehend, wird als Lösung in Harzseifen als Kresolin
und als Lösung in Ölseifen als Lysol zur D.
verwendet. Insbesondere hat das Lysol, eine gelbe,
klare, ölartige Flüssigkeit, die mit Wasser verdünnt
(2 Teile Lysol in 100 Teilen Wasser) vollkommen
klar bleibt, eine große Desinfektionskraft.
Weitere Kresolpräparate sind:
Kresolwasser (1 Teil Kresolseifenlösung in
9 Teilen Wasser);
Kresol seif en I ösungen, eine gelbbraune Mi-
schung von 1 Teil Kaliseife und 1 Teil Rohkresol.
Kresolschwefelsäuremisch ungen, werden
hauptsächlich in Deutschland zur D. verwendet. Sie
vernichten Milzbrandspoien erst nach fünf Tagen, sind
somit bei verseuchten Wagen nicht genügend wirksam.
Saprol wird als Nebenprodukt bei der Aufarbei-
tung der Teeröle in Gasanstalten gewonnen und ge-
langt in Mischung mit Schmierseifenlösungen zur
Verwendung.
Sublim atl ös ung (Ätzsublimat, Quecksilber-
chlorid), ein starkes Gift, wird durch Auflösen von
1 g Quecksilberchlorid in 1 / destilliertem Wasser
bereitet. (Quell- und Brunnenwasser ist hierzu in-
folge des höheren Gehaltes an kohlensaurem Kalk
unverwendbar.) Um raschere Lösungen herzustellen,
empfiehlt es sich, das Quecksilberchlorid in denatu-
riertem Alkohol zu lösen und die Lösung in das
Wasser oder die Kochsalzlösung u.s.w. zu schütten.
Der allgemeineren Verwendung des Sublimats
steht trotz der sehr energischen Wirkung dieses
Mittels auf Bakterienkulturen, Kokken und Sporen
der Umstand entgegen, daß es durch sehr viele
mineralische und organische Verbindungen zersetzt
und dadurch unwirksam gemacht wird, daß aber
auch die aus dem Sublimat erzeugten Umsetzungs-
produkte auf den menschlichen Organismus gesund-
heitsschädlich einwirken.
Räucherungen mit Chlor oder Brom-
dämpfen sind infolge ihrer zerstörenden Wirkung
auf Infektionsstoffe bei genügender Feuchtigkeit und
Konzentration als Desinfektionsmittel verwendbar.
Salpetrige und schweflige Säure sind
wenig und unsicher wirkende Desinfektionsmittel.
Salzsäure (Chlorwasserstoffsäure) ist eine
stechend riechende Flüssigkeit von sehr ätzenden
Eigenschaften. Warme Lösungen (12%ige Verdün-
nung) entwickeln sehr viel Chlorwasserstoffgas,
dem die Desinfektionswirkung zuzuschreiben ist.
Verdünnte Lösungen der Ätz- und kohlen-
sauren Alkalien und insbesondere der

Schmierseife (Kaliseife) heben das Wachstum
von Sporen auf und besitzen demnach gleichfalls
desinfektorische Wirkungen... Diese Desinfektions-
mittel verdienen besondere Beachtung, da sie zu-
gleich Reinigungsmittel sind.
Karbolseifelösung. Eine Lösung von Kali-
seife (3 Teile Seife in ICO Teilen heißem Wasser)
wird mit 1 Teil 100%iger Karbolsäure vermischt.
Diese Lösung ist lange Zeit haltbar und wirkt
schneller desinfizierend als einfache Kaliseifenlösung.
Eisenvitriol (schwefelsaures Eisenoxydul) dient
zur D. von Aborten, weil es die übelriechenden Gase,
Schwefelwasserstoff und Ammoniak, in feste Ver-
bindungen überführt. Es vermag 'jedoch nicht
das Wachstum der Pilze und Bakterien zu ver-
hüten, so daß es als Desinfektionsmittel, wie die
Versuche des deutschen Gesundheitsamtes klargelegt
haben, keinen hohen Wert hat. Wirksamer ist es in
Verbindung mit Karbolsäure. Man rechnet bei
Aborten für eine Person und einen Tag 25 g, in
Wasser gelöst. Setzt man etwa 2 kg Karbolsäure zu,
so kann man das Eisenvitriol um ein Drittel ver-
mindern.
Kalk in möglichst frisch gebranntem Zustande,
also Ätzkalk in gepulvertem Zustande, aber auch
als Kalkmilch (Mischung von 1 / gebranntem Kalk
mit 4 / Wasser) wirkt nach angestellten Versuchen
auf Typhus- und Cholerabazillen im Laufe weniger
Stunden vernichtend. Dieses Desinfektionsmittel
ist' in allen Fällen in Betracht zu ziehen, in
denen vermöge der erschwerten Verkehrs- und Lokal-
verhältnisse die rasche Herbeischaffung und Ver-
wendung anderer Desinfektionsmittel auf Schwierig-
keiten stößt.
Neuestens wurde durch Versuche im deutschen
Reichsgt sundheitsamt festgestellt, daß der Kalk eine
ganze Reihe von Organismen, u. zw. zum Teil
ziemlich widerstandsfähige, zu vernichten vermag
(Rot auf, Schweineseuche und Rotz).
Sodalauge, Lösung von Soda in Wasser
(ICO Teile Wasser, 2—16 Teile Soda), wird meist
nur zur vorbereitenden D. gebraucht, um die In-
fektionsstoffe für die eigentlichen Desinfektions-
mittel zugänglicher zu machen; eine desinfizierende
Eigenschalt kommt der Sodalauge nicht zu.
Chlorkalk ist ein Gemenge von unterchlorig-
saurem Kalk mit Chlorkalzium und enthält in
reinem Zustand 397% Chlor, das der wirksamste
Bestandteil ist.
Bei größeren Desinfektionsanstalten ist die Ver-
wendung von Chlorkalklösung nicht zu empfehlen,
da bei Herstellung der Lösung mindestens 50%
der ursprünglich verwendeten Chlorkalkmenge sich
als wertloser Abfall ergeben, dessen Beseitigung er-
hebliche Kosten verursacht. Chlorkalklösung greift
auch Metalle und Dichtungen an und macht in
kurzer Zeit die Desinfektionsapparate untauglich.
Seine Wirkung auf Milzbrandsporen ist sehr
gering.
Javellesche Lauge (Eau de Javelle) die durch
Einleiten von Chlor in Sodalösungen hergestellt wird,
ist eine klare, farblose oder grünlichgelbe Flüssig-
keit, riecht wie Chlorkalk und enthält haupt-
sächlich unterchlorigsaures Natron. Sie muß in gut
verschlossenen, im Dunkeln aufzustellenden Ge-
fäßen aufbewahrt werden.
Der Formaldehyd (Methylaldehyd, Methanol)
ist der Aldehyd der Ameisensäure. Das nicht giftige
Formaldehydgas ist farblos, im Wasser leicht löslich,
riecht stechend und übt auf die Atmungsorgane
heftige Reizwirkungen aus. Die wässerigen Lösungen
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