Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 277
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/48-A-1089-03/0292
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
Desinfektion.

277

(etwa 40%) kommen im Handel unter dem Namen
Formalin und Formol vor. Diese Lösungen machen
riechendes Fleisch, faulenden Harn, Exkremente u. s. w.
nahezu geruchlos, sind sehr wirksam und sind viel-
fach als Desinfektionsmittel vorgeschrieben.
Der Geruch nach Formaldehyd in desinfizierten
Wagen verliert sich binnen 12 bis 11 Stunden. Nach
Ablauf von 24 Stunden können die Wagen mit den
empfindlichsten Waren wieder beladen werden.
Um es als Streupulver zu benutzen, läßt man
es von Kieselgur aufsaugen (Formalith).
Sapoformal, Formochlorol, Glykoformal sind
Formaldehydpräparate.
Lysoform, eine Formaldehyd enthaltende Kali-
seifenlösung, ist ungiftig, nicht ätzend und beseitigt
sofort jeden üblen Geruch. In Wasser gelöst (2-3%)
gibt es eine milchartige Flüssigkeit, die als un-
schädliches aber zuverlässiges Desinfektionsmittel
bezeichnet werden kann. Die Lösungen sind jedes-
mal frisch zu bereiten.
Autan ist ein pulverförmiges Gemisch von poly-
merisiertem Formaldehyd und Barium Superoxyd.
Es hat die Eigenschaft, beim Ubergießen mit wenig
Wasser fast augenblicklich unter starker Wärme-
entwicklung reichliche Mengen von Formaldehyd-
und Wasserdämpfen zu entwickeln.
Zur D. von Aborten wird auch der bei der
Fabrikation von Torfstreu abfallende und gesiebte
Torfmull verwendet, der infolge seines hohen
Gehaltes an Huminsäure stark antiseptisch wirkt.
Ganz nutzlos, ja sogar schädlich sind
Räucherungen mit wohlriechenden Stoffen.
Der Anwendung der Desinfektionsmittel soll
in allen Fällen ein gründliches Reinigungs-
verfahren und bei Wagen auch eine teilweise
Austrocknung vorangehen, um das Eindringen
der Desinfektionsmittel in die Fugen zu er-
möglichen.
Es sind durch viele Versuche Beweise
dafür erbracht, wie viel die bloße Reinigung
durch mechanische Entfernung der Keime zu
leisten vermag und kann ohne Zweifel, wo
es sich um die Tötung leicht zerstörbarer
Infektionsstoffe handelt, schon durch gründ-
liche Reinigung, verbunden mit Benutzung
einer Sodalösung vielfach der angestrebte
Zweck erreicht werden.
Im allgemeinen wird unter normalen Ver-
hältnissen, d. h. bei Beförderung von ge-
sunden Tieren nach gründlicher Entfernung
des Streues und des Düngers aus den Wagen
in den meisten Staaten die sorgfältige Waschung
des Wagens (sowohl innen als auch außen)
mit heißem Wasser unter Zusatz von Soda
allenfalls noch ein Kalken der Innenwände
als zweckentsprechende D. angesehen.
In außerordentlichen Fällen, d. h. bei der
Beförderung von verseuchten oder seuchen-
verdächtigen Tieren sind verschiedene Des-
infektionsmethoden (verschärfte oder strenge
Desinfektion) in Anwendung und sind auch
zahlreiche Versuche mit den verschiedenen
Desinfektionsmitteln zur Vernichtung der pa-

thogenen Bakterien und Sporen, insbesonders
der Milzbrandsporen vorgenommen worden.
Auf Grund der praktischen Versuche in der
Desinfektionsanstalt Kaiser-Ebersdorf bei Wien
empfiehlt Prof. Dr. Schnürer der tierärztlichen
Hochschule in Wien (Zeitschrift für Infektions-
krankheiten, parasitäre Krankheiten und Hygiene
der Haustiere, Berlin 1905, Heft 1) nach-
folgendes einfache und wirksame Desinfektions-
verfahren für verseuchte Wagen:
„Der Wagen wird zuerst mechanisch mit Besen
von dem gröbsten Schmutze (Mist, Streu u. s. w.) ge-
i reinigt, sodann die Reinigung mit Dampf oder
heißem Preßwasser bis zum Verschwinden makro-
skopisch sichtbaren Schmutzes fortgesetzt. Nun
werden die Wagen eine halbe Stunde bis zur ober-
flächlichen Abtrocknung stehen gelassen und dann
wird zur D. geschritten. In größeren Stationen, in
denen stets mehrere Wagen behandelt werden
müssen, sollen auch mehrere Wagen zu gleicher
Zeit vorgenommen werden, indem jeder Wagen
bei geschlossener Tür und geschlossenen
Fenstern von der andern offenen Tür aus mit je
15/ 1% Formaldehyds (2'l2 l 4% handelsübliche
Formaldehydlösung auf 100 / Wasser) bespritzt
wird. Sofort nach Beendigung der Arbeit an einem
Wagen wird die Türe geschlossen und der Arbeiter
geht zum zweiten Wagen. Nachdem die Wagen-
kolonne auf der einen Seite bespritzt ist, setzt der
Arbeiter die Bespritzung auf der andern Seite
abermals mit etwa 15 l für jeden Wagen fort. Wenn
das Spritzrohr ungefähr 30 cm vor der Drüse unter
einem Winkel von beiläufig 100 0 abgebogen ist,
macht es gar keine Schwierigkeit, selbst die dem
Arbeiter zugekehrte Längswand des Wagens zum
größten Teil mit dem Strahl zu treffen, so daß
tatsächlich fast jede Wagenwand bei jedem Turnus
mindestens zweimal übergangen wird.
Sodann bleiben sämtliche Wagen mindestens eine
halbe Stunde bei geschlossenen Türen und Fenstern
stehen, worauf beim ersten und dann auch bei den
übrigen Wagen genau derselbe Vorgang wiederholt
wird."
Diese Art der D. ist bei Außentemperaturen
über 12° C absolut sicher und hätte nur bei
niedrigeren Temperaturen eine Erwärmung des Wagens
mit Dampf (10 Minuten lang) stattzufinden.
III. Gesetzliche Bestimmungen über
die D. in den einzelnen Ländern. In
bezug auf D. gelten in den einzelnen Staaten
folgende Bestimmungen:
Deutschland. Nach der, in Ausführung des
Gesetzes vom 25. Februar 1876 erlassenen Kund-
machung des Reichskanzlers vom 16. und 17. Juli
1904, und den vom Bundesrate erlassenen Vor-
schriften über die Beseitigung von Ansteckungsstoffen
bei Beförderung von Tieren und fäulnisfähigen
Stoffen auf Eisenbahnen, gültig vom 1. August 1907,
muß der eigentlichen D. der Wagen stets eine gründ-
liche Reinigung — Beseitigung der Streumaterialien,
des Düngeis, der Reste von Anbindesträngen u. s. w.
sowie ein gründliches Abwaschen mit heißem
Wasser und Auskratzen der in die Wagenfugen ein-
gedrungenen Schmutzteile mit eisernen Geräten
vorangehen. Wo heißes Wasser nicht in genügender
Menge zu beschaffen ist, darf auch unter Druck
ausströmendes, kaltes Wasser verwendet werden;
jedoch muß vorher zur Aufweichung des an-
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list