Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 315
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Deutscher Eisenbahnverkehrsverband.

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Nach der Schöpfung des deutschen Eisen-
bahngütertarifs im Jahre 1877 ging die Auf-
gabe der Fortbildung der deutschen Güter-
tarife und später auch anderer deutscher
Tarife auf die Generalkonferenz der deutschen
Eisenbahnen und die ständige Tarifkommission
über. Damit war dem Tarifverband der be-
deutsamste Stoff seiner Arbeiten entzogen.
Weiterhin wurde seine Tätigkeit eingeschränkt
durch die infolge der fortschreitenden Ver-
staatlichung der deutschen Eisenbahnen ent-
stehenden einheitlichen Einrichtungen. Dies
gab den Anlaß zu einer Umwandlung des
Tarifverbandes in den deutschen Eisenbahn-
verkehrsverband, die nach langen schwierigen
Beratungen im Jahre 1886 zustande ge-
kommen ist. Am 27. Februar 1886 wurde der
Tarifverband aufgelöst.
Zum Vorsitzenden des D. wurde die kgl.
Eisenbahndirektion Hannover gewählt, die
seitdem den Vorsitz behalten hat. Der Ver-
band hat am 26. Februar 1911 bei seiner
51. Hauptversammlung in Hannover das Fest
seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens ge-
feiert.
Die Mitglieder des Verbandes sind teils
ordentliche, teils außerordentliche. Zu den or-
dentlichen Mitgliedern gehören alle deutschen |
Hauptbahnen und eine große Anzahl deutscher
Nebenbahnen, außerdem die beiden großen
niederländischen Bahnen. Als außerordent-
liche .Mitglieder können Nebenbahn- (nicht
auch Kleinbahn-) Verwaltungen aufgenommen
werden, wenn sie beantragen, daß in ihrem
Verkehr mit den Verbandsverwaltungen die
Verbandseinrichtungen angewendet werden
sollen. Bei der Gründung des Verbandes ge-
hörten ihm 58 Verwaltungen an mit einem
Gebiet von etwa 42.000 km, bei der Feier
seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens be- I
trug die Anzahl der ordentlichen Mitglieder
82, die der außerordentlichen 15 mit einem
Eisenbahnnetz von rund 60.000 km.
Die Satzungen des Verbandes sind in den
ersten Sitzungen festgestellt und mehrfach,
meist bloß formell, geändert worden. Die
letzte Fassung ist vom E Juli 1908.
Hiernach faßt der Verband Beschlüsse, die
entweder die in Betracht kommenden Ein-
richtungen den Mitgliedern nur empfehlen
(nicht verbindliche) oder die Mitglieder zur
Durchführung verpflichten (verbindliche).
Die Geschäftsgegenstände, über die Mehr-
heitsbeschlüsse mit verbindlicher Kraft gefaßt
werden können, sind folgende:
1. Die Ausführungsvorschriften zur Militäreisen-
bahnordnung — für die Bahnen, für die diese
Ordnung Geltung hat; j

2. die Ausführungsvorschriften zu den Bestim-
mungen (Anlage B der Verkehrsordnung für die
Eisenbahnen Deutschlands) über bedingungs-
weise zur Beförderung auf Eisenbahnen zu-
gelassene Gegenstände — für die Bahnen, für
die diese Vorschriften Geltung haben;
3. die Vorschriften für das Melde- und Nach-
forschungsverfahren bei fehlenden, überzähligen,
beschädigten oder mit einer Gewichtsdifferenz
u. s. w. angekommenen Gepäckstücken und
Gütern;
4. die Fundordnung, soweit nicht für Privatbahnen
durch das Bürgerliche Gesetzbuch abweichende
Bestimmungen notwendig werden;
5. die Vereinfachung der Regelung von Fracht-
und Ersatzansprüchen aus dem Personen-, Ge-
päck- und Güterverkehre;
6. die Einführung einheitlicher Muster für
Erachtkarten, Beförderungsscheine und Abrech-
nungen ;
7. die Aufstellung gemeinsamer Vorschriften
über den Verschluß und die Behandlung der
Wagen;
8. die gleichmäßige Behandlung der zur Beför-
derung gelangenden, zur öffentlichen Aus-
stellung bestimmten Gegenstände;
9. Vorschriften über die Erhebung von Fracht-
zuschlägen bei unrichtiger Inhaltsangabe oder
Wagenüberlastung;
10. das einheitliche Frachtkartenmuster;
11. die Desinfektionsvorschriften;
12. einzelne Teile der „Allgemeinen Abfertigungs-
Vorschriften", so die Vorschriften über die Be-
handlung der Frachtbriefe im Versand und
Empfang, den Annahmestempel und den Wäge-
stempel, über verschiedene Angaben im Versand-
und Empfangsbuch u. s. w.;
13. Das Übereinkommen, die Bedingungen und die
Dienstvorschrift über die Einstellung von Privat-
wagen.
14. Die Vorschriften über die Abstempelung der
Rückfahrkarten.
15. Die Vorschriften über die Beförderung des
Gepäcks auf mehrere aneinander anschließende
Fahrkarten oder über einen anderen als den
Eeitnngsweg des Gepäcks lautende Fahrkarten.
16. Die Muster der Fahrkarten, die in einer be-
sonders ausgegebenen Sammlung enthalten sind
sowie die Vorbemerkungen zu dieser Samm-
lung.
17. Die Bestimmungen der Allgemeinen Abferti-
gungsvorschriften betreff, die Verwendung von
geldwerten Blankoscheinen im Verbandsverkehr
und im inneren Verkehr der einzelnen Ver-
waltungen.
18. Dienstvorschrift über die Ausgabe von Fahr-
scheinheften für Reisen, die nicht zum Aus-
gangsort zurückführen.
Von den wichtigeren durch den Verkehrs-
verband bearbeiteten Gegenständen sind in erster
Linie zu erwähnen: die Vorschriften über die
Abfertigung und die Beförderung von Personen
und Gütern auf den deutschen Eisenbahnen, die
Vorschriften über die Beförderung von Aus-
stellungsgegenständen, die Zusammenstellungen
der Zoll- und Steuervorschriften, die Fund-
ordnung, die Fahrkartenmuster u. dgl. Die
Tätigkeit des Verbandes ist gleicherweise dem
Handel, der Industrie und der Landwirtschaft
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