Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 442
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/48-A-1089-03/0461
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
442

Dreischienen bahnen.

Druckluftbahnen.

verändern läßt. Die Mittelschiene wird nach
Bedarf nur in steileren Strecken eingelegt,
während dazwischen liegende, weniger ge-
neigte Strecken keine Mittelschiene erhalten.
Nach dieser Bauweise sind in Frankreich
die Bahnen von Clermont-Ferrand auf den
Puy de Dome und von Bourboule nach 1
Charlanne, beide mit 120%ö Größtsteigung,
ausgeführt.
In den meisten Fällen und namentlich für
größere Steigungen wird die Mittelschiene
zweckmäßig als Zahnstange auszubilden sein,
hierüber s. Zahnbahnen. Dolezalek.
Druckluftbahnen (compressed air oder
pneumatic railways; chcmins de fer ä air
comprime, chcmins de fer pneumatiques;
ferrovie ad aria compressa), Bahnen, bei denen
die für die Förderung der Züge aufzuwen-
dende mechanische Arbeit durch Druckluft
übertragen wird. Man unterscheidet:
a) D., bei denen die in einer Endstation
erzeugte Druckluft auf den in einem ent-
sprechend weiten Rohr laufenden und selbst
den Kolben bildenden Wagen wirkt.
b) D., bei denen ein unter dem Wagen-
boden angebrachter, mit dem Wagen fest ver-
bundener Kolben in einem im Gleis liegen-
den Rohr läuft, dem von einer Seite Druck-
luft zugeführt wird.
Bei den unter a und b genannten Bahnen
kann, insbesondere wenn sie wagrecht ver-
laufen, auch auf einer Seite des Kolbens die
Luft abgesaugt werden, so daß eine teilweise
Luftleere entsteht.
Die als Kolben dienenden Organe solcher
Bahnen stehen dann unter ähnlichen Druck-
verhältnissen wie die Kolben von Konden-
sationsdampfmaschinen. Bahnen beider Gattun-
gen werden auch als pneumatische Bahnen
bezeichnet.
c) I)., bei denen die Druckluft in be-
stimmten Stationen in eigene Behälter, die am
Wagen oder an einer besonderen Lokomotive
angebracht sind, eingefüllt wird, um ähnlich
wie Dampf in Zylindern für den Antrieb der
Räder Verwendung zu finden.
D. nach der unter a genannten Bauart
wurden erstmalig im Jahre 1863 in London
zur Beförderung von Paketen benutzt, wobei
gußeiserne Rohre von 1/2 — 11/2 m Durch-
messer verwendet wurden. Zur Beförderung
von Personen haben sie versuchsweise An-
wendung gefunden. Berühmt ist ein Versuch
geworden, der im Jahre 1864 im Park des
Krystallpalastes zu Sydenham-London von
Rammel angestellt wurde. Es war dort ein
Tunnel in Mauerwerk etwa 3 m hoch und
2*75 m breit in einer Länge von 648 m her-

gestellt worden, der teilweise in scharfen
Krümmungen lag und Steigungen bis zu 60%r/
besaß. Der auf dem Tunnelgleis laufende
Wagen faßte 30- 35 Personen. An seiner
hinteren Seite trug er ein Rahmenwerk,
das den Tunnelquerschnitt nahezu und mit
Hilfe eines dichten, bürstenartigen Ansatzes
vollständig ausfüllte. Gegen diese Kolbenfläche
von bedeutender Größe wirkte der durch ein
Gebläse ausgeübte Luftdruck, nachdem der
Wagen in den Tunnel eingefahren und dieser
luftdicht abgeschlossen worden war; bei der
Rückfahrt wurde die Luft vor 'dem Wagen
ausgesaugt. Die Fahrt dauerte 50 Sekunden.
ln der Folgezeit aufgetauchte Pläne für
derartige D. kamen nicht zur Ausführung. Es
seien erwähnt die Projekte zur Verbindung
von Waterloo-Station mit Charing-Cross in
London, sodann von Warren-Street und North-
River in New York, endlich Vorschläge für
schweizerische Alpenbahnen.
Für D. mit starken Steigungen, die nur zu
Berg durch Luftdruck zu betreiben sind und
deren Wagen zu Tal vermöge der Schwerkraft-
wirkung laufen, hat der schweizerische National-
rat Seiler Kraftsammler in Form von mit
atmosphärischer Luft gefüllten Gasbehältern
mit Wasserabschluß und Beschwerungs-
gewichten in Vorschlag gebracht, die die
ganze, zum Tunnelbetrieb erforderliche Luft-
menge fassen müßten (Seilers Glocken).
Auf ähnlichen Grundgedanken beruhte der
Entwurf einer D. auf die Jungfrau in der
Schweiz von Dr.-lng. Oberst Locher, nach
dem zwei kreisrunde Tunnelröhren von je
3 m innerem Durchmesser nebeneinander in
gerader oder schwach gekrümmter Linie mit
einer Steigung von 70% von der Talsohle nach
dem Gipfel des Berges geführt werden sollten.
In jeder Röhre sollte ein zylindrischer, elek-
trisch beleuchteter Wagen von 20 m Länge
mit 50 Sitzplätzen laufen, der an drei Lauf-
schienen (zwei am Boden, eine am Scheitel)
mittels Rollen geführt und als Kolben mit
Labyrinthdichtung durch Luftdruck mit einer
mittleren Geschwindigkeit von 7 mjSek. be-
fördert werden.
Mittels besonderer Bremseinrichtungen sollte
das Anhalten des Wagens bewirkt werden. Beim
Überschreiten der normalen Geschwindigkeit
sollte durch eine automatische Vorrichtung so-
fortiges Anhalten veranlaßt werden. Bei der ge-
planten Länge der Bahn von b km würde die Berg-
wie die Talfahrt je 15 Minuten betragen. Der
Betrieb sollte derart stattfinden, daß gleich-
zeitig ein Wagen aufwärts, der andere abwärts
fährt (Heu singer v. Wald egg, Handbuch
f. spez. Eisenbahntechnik, I. Bd., Kap. XVII).
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list