Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Dritter Band): Braunschweigische Eisenbahnen - Eilgut — Berlin, Wien, 1912

Page: 470
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Durchgehende Wagen.

bequemlichkeiten immer höher eingeschätzt.
Der Wunsch auf Einrichtung von D. tritt
daher besonders aus Orten, die nicht den
Vorzug genießen, an großen Eisenbahnlinien
mit zahlreichen durchgehenden Zugverbindun-
gen zu liegen, immer dringender an die Eisen-
bahnverwaltungen heran, während die vielen
Querverbindungen des Eisenbahnnetzes und
die wachsende Anzahl von Anschluß- und
Abzweigestationen die Zahl der Verkehrs-
möglichkeiten dauernd vergrößern und die Er-
füllung der Wünsche immer schwieriger machen.
— In welchem Grade die Einrichtung von D.
tatsächlich begründet ist, hängt einerseits vom
Umfang des Verkehrs, anderseits vom Umfang
der Unbequemlichkeiten ab, die in den ein-
zelnen Verkehrsverbindungen beim Wagen-
wechsel eintreten. Je nachdem das Umsteigen
unter freiem Himmel oder in geschützter
Bahnhofshalle stattfindet, je nachdem die Über-
gangszeit knapp oder mit größerem, vielleicht
auch mit unnötig langem Stillager verbunden
ist, je nachdem sie in die Nacht- oder Tages-
stunden fällt, je nachdem beim Umsteigen
längere Wege zurückgelegt, Bahnsteigtreppen
und Tunnel begangen werden müssen oder
die Züge am Bahnsteig sich unmittelbar gegen-
überstehen, werden die Unbequemlichkeiten
ganz verschieden empfunden. — Noch mehr
aber schwanken die Aufwendungen und Er-
schwernisse, die die Einrichtung von D. im
Eisenbahnbetriebe^ verursachen. Sie machen
sich hauptsächlich in folgender Weise be-
merkbar:
1. Die Platzausnutzung in den Zügen wird
verschlechtert. Die Mitführung von D. hat
deshalb häufig eine Vermehrung der Zug-
stärke und eine Erhöhung der Zugkosten zur
Folge.
2. Die einheitliche Zugbildung wird beein-
trächtigt. Für die verschiedenen Zuggattungen
werden in der Regel besondere Wagen-
gattungen verwendet. So finden in den D-
Ziigen (s. d.) besonders hierfür gebaute Wagen
mit innerem Durchgang und Übergangs-
brücken Verwendung, während diese bei den
übrigen Zügen fehlen. Müssen nun Züge ver-
schiedener Gattung der Anschlüsse wegen zur
Beförderung von D. benutzt werden, so wird
die Zugbildung aus einer einheitlichen Wagen-
gattung unmöglich gemacht. — Es wird von
den Reisenden angenehm empfunden und
dient auch zur Beschleunigung der Zugabferti-
gung, wenn die Wagen III. Klasse von den
Wagen I. und II. Klasse im Zuge getrennt
stehen. Die D. stören diese Ordnung, weil
ihre Stellung eine solche sein muß, daß sie
auf den Übergangsstationen von einem Zug

auf den anderen überführt werden können.
Der Verkehrsumfang ist nur selten so groß,
daß er den Fassungsraum eines Wagens über-
schreitet. Bei Zugverbindungen mit 3 Wagen-
klassen können daher in der Regel nur D.
mit Abteilen aller Wagenklassen Verwendung
finden. Diese Bauart der Wagen ist aber aus
den angeführten Gründen für den allgemeinen
Reiseverkehr unzweckmäßig und sollte be-
sonders im D-Zugdienst vermieden werden.
3. Das Überführen der D. von Zug zu
Zug erfordert mehr oder weniger umständliche
Rangierbewegungen. Diese haben fast immer
Vergrößerungen der Zugaufenthalte, eine Zu-
nahme der Zugverspätungen und auch der
Betriebsgefahren zur Folge. Der dadurch der
Mehrzahl der Reisenden zugunsten einer oft
nur geringen Minderzahl zugefügte Nachteil
ist häufig nicht unerheblich. Er wird nur des-
halb ertragen, weil er für die Reisenden nicht
ohne weiteres erkennbar ist.
4. Die D. stören das Ein- und Aussetzen
von Verstärkungswagen oder von Wagen, die
in den Zügen nicht regelmäßig, sondern nur
bei gewissen Anlässen auf Teilstrecken mit-
geführt werden. Auch hier sind Zugverspätun-
gen die Folge, weil der Fahrplan auf der-
artige Ausnahmen keine Rücksicht nehmen
kann.
Da nach diesen Ausführungen sowohl dem
Bedürfnis zur Einführung von D. wie auch
den Umständen, die die Einführung er-
schweren, eine sehr verschiedene Bedeutung
beigemessen werden muß, so wird es er-
klärlich, daß sich allgemeine Regeln darüber,
wann D. einzurichten sind, nicht aufstellen
lassen. Jedenfalls müssen die Eisenbahnver-
waltungen Sonderwünschen gegenüber mög-
lichste Zurückhaltung bewahren. Sie sind das
der ihnen obliegenden Pflicht auf pünktliche
und sichere Abwicklung des Gesamtverkehrs
schuldig. Da, wie bereits hervorgehoben, die
Reisenden des allgemeinen Verkehrs nicht be-
urteilen können, in welchem Umfange sie
unter der Beförderung von D. zu leiden
haben, so kann den Sonderwünschen gegen-
über nur das Urteil der Betriebsverwaltung
maßgebend sein, die nach den Umständen des
Einzelfalles vielleicht die Einführung von D.
ablehnen muß, für die an und für sich ein
Verkehrsbedürfnis vorliegt, während für eine
andere weniger wichtige Verkehrsverbindung
D. ohne weiteres zugestanden werden können.
Ist die Entscheidung der Frage, ob D. zu-
zulassen sein möchten, schon schwierig, wenn
die Wagen im eigenen Bezirk der Verwaltung
verbleiben, so erhöhen sich die Schwierig-
keiten, wenn die Wagen den Bezirk mehrerer
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