Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Page: 21
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Personenwagen.

eigene Speisewagen mit vollständiger Küchen-
einrichtung bauen lassen.
Die Wagen (Abb. 21) hatten 3 Achsen, 2 Endplatt-
formen für den Einstieg, 2 Speiseräume zu je
12 Plätzen und in der Mitte die Küche mit einem
seitlichen Durchgang; sie verkehrten zum ersten
Mal auf den Linien Paris-Le Havre und Nizza-
Marseille, dann ab l.Juni 1883 zwischen Paris und
Wien in dem damals neu geschaffenen ersten euro-
päischen Luxuszug, dem sog. Orientexpreß.


Die Speisewagen sind inzwischen wesentlich
verbessert worden. Während sie anfänglich nur
in einzelnen Zügen anzutreffen waren, werden
sie seit etwa 10 Jahren in allen wichtigen Tages-
schnellzügeti mitgeführt. Der Speisewagenver-
kehr bietet nicht nur den Reisenden ein erhöhtes
Maß von Bequemlichkeit sondern hat auch
ganz erheblich zur Kürzung der Reisezeit der
Schnellzüge beigetragen, weil mit seiner Ein-
führung die früher in den Verpflegungsstationen
gegebenen langen Zugsaufenthalte entfallen
konnten.
Von den sonstigen der Personenbeförderung
dienenden Wagen sind noch zu erwähnen die
Krankenwagen (s. den Artikel Krankenbe-
förderung) sowie die Saal wagen (s. auch
Hof züge).
Saal wagen (Salonwagen) wurden in früherer Zeit
fast nur für die Reisen der Staatsoberhäupter oder
der Mitglieder der landesherrlichen Familien ver-
wendet. Heute werden sie auch für den allgemeinen
Verkehr gegen Bezahlung besonderer Gebühren zur
Verfügung gestellt. Ihre innere Einrichtung, ursprüng-
lich sehr einfach und nach jetziger Anschauung voll-
ständig ungenügend, ist mit der fortschreitenden
Entwicklung des Wagenbaues allmählich so durch-
gebildet worden, daß sie den verwöhntesten An-
sprüchen Rechnung trägt.
II. Bauformen.
A Allgemeines. Die Personenwagen werden
eingeteilt nach der Anzahl der Achsen:
in 2-, 3-, 4- und öachsige Wagen;
nach der Form und der Raumanordnung der
Wagenkasten:
in Abteil- und Durchgangswagen;
nach der inneren Ausstattung:
in Wagen I., II., III. und IV. Klasse und in
solche mit Abteilen verschiedener Klassen,
in Schlafwagen, Speisewagen, Saalwagen,
Krankenwagen u. s. w.
und nach der Verwendungsweise:
in Hauptbahn- und in Nebenbahnwagen.

Zwei-, drei-, vier- und sechsachsige P.
Zwei- und dreiachsige Wagen sind im Be-
trieb als leichte, bequeme Einheiten sehr beliebt.
Gegenüber den 4- und öachsigen Wagen haben
sie die Vorteile der geringeren Anschaffungs-und
Unterhaltungskosten, der einfacheren Bauart,
der leichteren Zugänglichkeit ihrer Laufwerks-
teile, des kleineren toten Gewichts für den Sitz-
platz und der größeren zulässigen Kastenbreite,
die eine größere Sitzplatzbreite oder eine Ver-
mehrung der Sitzplätze ermöglicht. Bei den
regelmäßigen Untersuchungen dieser Fahrzeuge
in der Werkstätte werden dem Betrieb weniger
Sitzplätze entzogen, auch geht die Wiederher-
stellung der Wagen selbst rascher von statten.
Als Nachteile der 2- und 3achsigen P.
werden bezeichnet:
die unvollkommene Einstellung ihrer Achsen
in Krümmungen, wodurch die Wagen beim
Befahren krümmungsreicher Strecken mit grö-
ßeren Geschwindigkeiten weniger ruhig laufen
als Drehgestellwagen;
die für die Reisenden unangenehm fühlbare
Beeinträchtigung oder Aufhebung des Trag-
federspiels beim Bremsen;
die verhältnismäßig geringe Kastenlänge,
die den Einbau größerer Räume, wie Säle,
Schlafzimmer, Speiseräume u. s. w. nur in be-
schränkter Weise zuläßt.
Zweiachsige P. werden in Deutschland nur
noch in langsamer fahrenden Personenzügen
der Hauptbahnen und auf Nebenbahnen, in
Rußland bloß auf Nebenbahnen und in England
fast gar nicht mehr verwendet.
Andere Länder dagegen, wie Frankreich,
dann auch Italien und Österreich haben aus
wirtschaftlichen Erwägungen 2achsige P. für
den inneren Schnellzugdienst noch beibehalten.
Die Bauart der für diesen Dienst benutzten
2achsigen Wagen wurde jedoch sehr verbessert.
In erster Linie ist der Radstand der Wagen
wesentlich vergrößert und sodann die Federung
zweckmäßiger ausgestaltet worden u. zw. meist
in der Weise, daß nicht nur der Wagenkasten
mit dem Untergestell gegen die Achsbüchsen,
sondern auch noch der Kasten gegen das
Untergestell abgefedert wurde. — Durch diese
Maßnahmen sowie durch sorgfältige Gewichts-
ausgleichung der Radsätze, gleichmäßige Ver-
teilung des Wagengewichts auf die einzelnen
Räder und durch genaue Zusammensetzung
aller Laufwerksteile hat die französische Ost-
bahn sehr gute Ergebnisse erzielt. Ihre 2achsigen
Schnellzugwagen, deren Bauart auch für andere
Bahnverwaltungen vorbildlich geworden ist,
haben selbst bei hohen Geschwindigkeiten einen
ruhigen, sanften Gang.
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