Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Page: 116
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Preßluftlokomotiven. — Preußische Eisenbahnen.

in Arbeitszylindern hintereinander (Verbund-
Preßluftlokomotiven) wird nicht nur die Gefahr
der Vereisung vermieden, sondern auch größere
Wirtschaftlichkeit erreicht.
Der Arbeitsdruck ist bei einfacher Dehnung
etwa 10, bei der Verbundwirkung etwa 15 Atm.
Die Arbeitszylinder sind so groß bemessen, daß
auch bei geringeren Drücken die Fahrt der
Lokomotive möglichst lange gesichert bleibt.
Die Bedienung der P. ist sehr einfach. Außer
der Umsteuerung, die in gleicher Weise wie
an Dampflokomotiven zu handhaben ist, ist
nur ein Einlaßventil und eine Bremse vor-
handen. Die P. können sehr klein ausgeführt
werden, so daß enge und niedrige Stollen
befahren werden können. Um die Breiten-
abmessungen möglichst einzuschränken, werden
die Arbeitszylinder oft zwischen die Rahmen
gelegt. P. neuerer Bauart vermögen Strecken von
4 — 5 km von einem Füllort bis zum andern
zurückzulegen, wobei Steigungen von 3- 10%#
überwunden werden können. Das Gewicht der
P. wechselt je nach dem Verwendungszweck
zwischen 4 und 7 t.
Während früher die Verwendung der P.
sehr beschränkt war, ist in den letzten Jahren
durch die Einführung von besonders hohen
Behälterdrücken und durch die Verbundwirkung
das Verwendungsgebiet sehr erweitert. P. sind
überall, wo völlige Rauchfreiheit erwünscht
oder Feuer und Funken zu vermeiden sind,
verwendbar. Sie werden namentlich in Berg-
werken mit geringen Stollenabmessungen und
ungenügender Lüftung den elektrischen Loko-
motiven vorgezogen, da die Fahrleitung der
letzteren eine ständige Gefahr bildet. Desgleichen
sind in Bergwerken mit Schlagwettern P. in
steigender Verwendung, da sie Feuer und
Funken völlig vermeiden, während die Funken
der elektrischen Lokomotiven an Strom-
abnehmern und Bürsten die Verwendung letzterer
Lokomotiven in Bergwerken mit Schlagwettern
ausschließen. Um an P. in diesem Fall auch
die Bildung von Funken durch Gleiten der
Triebräder auf den Schienen zu vermeiden,
werden die Arbeitszylinder im Verhältnis zum
Reibungsgewicht klein gewählt. Auch in feuer-
gefährlichen Betrieben über Tag sind daher
P. hauptsächlich in Nordamerika in Verwendung.
Ein besonderes Verwendungsgebiet der P. bildet
der Bau großer Tunnel. P. wurden mit großem
Erfolg beim Bau der Gotthard-, Simplom-, Lötsch-
berg-Tunnel u. s. w. verwendet. Da die Lüftung
der engen, meist ansteigenden Richtstollen mit
Rücksicht auf die große Zahl von Arbeitern
und die hohe Temperatur besonders erschwert
ist, schließen sie hier andere Betriebsarten von
vornherein aus. Da außerdem bei großen

Tunnelbauten Preßluft auch zu anderen Zwecken
im größeren Umfang erzeugt wird, liegt die
Anwendung von P. um so näher. P. für Tunnel-
bauten werden mit Rücksicht auf den Betrieb
in den meist sehr engen und niedrigen Richt-
stollen möglichst gedrungen gebaut. Die Arbeits-
zylinder liegen gewöhnlich zwischen den Rahmen;
der Führerstand ist in der Regel hinter den
Luftbehältern untergebracht.
Abb. 75a zeigt eine mit 3 Flaschen versehene Drei-
fachexpansions-Preßluftlokomotive, wie sie von der
Berliner Maschinenbau-Aktiengesellschaft
vorm. L. Schwartzkopff in Berlin ausgeführt wird.
Diese P. ist mit 2 Anwärmern versehen. Der Auspuff
des Niederdruckzylinders ist als kleiner Schornstein
in der Stirnansicht Abb. 75 b ersichtlich. Die Stirnplatte
(Abb. 75 c) trägt die gesamten, für die Bedienung der
P. erforderlichen Einrichtungen: das Füllventil zum
Auffüllen der Behälter, das mit einer Alarmpfeife
ausgerüstete Sicherheitsventil, das eine Überschrei-
tung des zulässigen Höchstdrucks verhindert, das
Reduzierventil, das den Füllungsdruck von 130 bis
150 Atm. auf den Arbeitsdruck von 25 — 30 Atm. ab-
spannt, ein Hauptabsperrventil, eingebaut zwischen
den Hochdruckbehältern und dem die abgespannte
Luft aufnehmenden Arbeitsbehälter, das gestattet, bei
Schluß der Förderung, Reparatur u. s. w. die Hoch-
druckbehälter abzusperren und so Luftverluste zu
vermeiden, das Füllventil zum Regulieren der Fahr-
geschwindigkeit, den Steuerhebel für Vor- und Rück-
wärtsfahrt, eine auf beide Achsen wirkende Hebel-
bremse, einen Hebel zur Betätigung des Sandstreuers
I sowie je ein Manometer zum Messen des Füllens
und des Arbeitsdrucks (s. Abb. 75 c). Der Führersitz
ist, um einen Gewichtsausgleich gegenüber den am
andern Ende befindlichen Zylinder zu schaffen, als
ein geschlossenes Ganzes, besonders kräftig, in Guß-
eisen ausgeführt. Der Sitzplatz des Führers ist so
angeordnet, daß er bequem die Strecke übersehen
kann. Der Aktionsradius der P. richtet sich nach
der Größe der Hauptbehälter und der Höhe des
Füllungsdrucks; er beträgt infolge des geringen
Luftverbrauches der P. je nach den sonstigen ört-
lichen Verhältnissen (Zustand der Gleise und Wagen,
Krümmungshalbmesser, Steigungen u. dgl.) bis zu
9000 m, d. h. die P. ist im stände, den Leerzug bis
zu 4500 m vor Ort und den beladenen Zug dieselbe
Strecke zurück zum Schacht zu schleppen, ehe eine
Neufüllung erforderlich wird. Sauzin.
Preußische Eisenbahnen (mit Karte).
Inhalt: I. Geschichtliche Entwicklung: Vorge-
schichte. Einzelne Perioden: 1.1838 — 1842; 2.1842bis
1849; 3. Die Minister v. d. Heydt und Graf Itzenplitz
1849—1873; 4. Reichsbahnpolitik 1873- 1879; 5. Die
Durchführung des Staatsbahnsystems in Preußen bis
zur preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft 1896;
6. Die Entwicklung von 1896 bis zur Gegenwart. —
II. Die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft.
1. Allgemeines; 2. Organisation; 3. Bauliche Ent-
wicklung; 4. Beamten- und Arbeiter-Wohlfahrts-
einrichtungen; 5. Verkehr; 6. Finanzen; 7. Unfälle. —
III. Die übrigen in Preußen vorhandenen Eisen-
bahnen, Privatbahnen, Kleinbahnen.
I. Geschichtliche Entwicklung.
Vorgeschichte.
Die erste in Preußen eröffnete Eisenbahn
ist die am 29. Oktober 1838 dem Betrieb über-
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