Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Page: 129
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Preußische Eisenbahnen.

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größter Teil in dem Großherzogtum Hessen
liegt, wurde nach langen, schwierigen, wieder-
holt unterbrochenen Verhandlungen ein von
dem bisherigen abweichendes Verfahren be-
schlossen. In dem Staatsvertrag vom 23. Juni 1896
verständigten sich Preußen und Hessen über
den Erwerb der hessischen Ludwigsbahn auf
gemeinsame Kosten und über die Bildung einer
preußisch-hessischen Betriebsgemein-
schaft, die sämtliche preußischen Staatsbahnen
und außer der neu angekauften Ludwigsbahn
auch die dem hessischen Staat gehörigen ober-
hessischen Bahnen umfassen sollte. Es wurde in
Mainzeine eigene kgl.preußische und großherzog-
lich-hessische Eisenbahndirektion eingesetzt mit
preußischen und hessischen Beamten, ein hessi-
scher höherer Beamter trat in das Ministerium der
öffentlichen Arbeiten ein. Über die Verteilung des
Gewinns aus dem preußisch-hessischen Eisen-
bahnnetz, seine Erweiterung durch Neubauten,
die Tarifverhältnisse u. s. w. sind in dem Ver-
trag feste Vereinbarungen getroffen. Der Ver-
trag ist durch das preußische Ges. vom 16. De-
zember 1896 und das hessische Ges. vom
17. Dezember 1896 genehmigt worden, ln die
Betriebsgemeinschaft ist nach dem Staatsvertrag
zwischen Preußen, Baden und Hessen vom
14. Dezember 1901 auch die Main-Neckarbahn
(s. d.) aufgenommen worden. Die Gemeinschaft
erstreckt sich also bis hinein nach Baden, und
in die Eisenbahndirektion Mainz sind auch
badische Beamte eingetreten1. Diese Erweiterung
des Wirkungskreises der preußischen, nunmehr
mit den hessischen Bahnen zu einer Gemein-
schaft vereinigten, bis nach Baden sich er-
streckenden und mit den Reichsbahnen in
Elsaß-Lothringen gemeinsam verwalteten Eisen-
bahnen hat den Anstoß gegeben, eine neue
Bewegung zur Vereinheitlichung der deutschen
Eisenbahnen hervorzurufen. Die Ergebnisse
dieser Bewegung sind in Bd. III, insbesondere
S. 300 ff. (Deutsche Eisenbahnen) dargestellt.
II. Die preußisch-hessische Eisen-
bahn ge mein Schaft.
1. Allgemeines. Preußen und Hessen ge-
hören zu den Staaten, in denen das Staatsbahn-
system das herrschende ist. Wenngleich neben
dem in sich geschlossenen, alle Hauptverkehrs-
punkte der Länder verbindenden Staatsbahnnetz
noch eine Anzahl von Privatbahnen bestehen
und wenn auch jetzt noch der Bau und Betrieb
einzelner Strecken der Privatunternehmung
überlassen wird, so ist, wie dies schon die vor-
stehenden Zahlen ergeben, die Stellung der
Staatsbahnen doch eine so überwiegende, daß
1 Vgl. auch Dröll, Sechzig Jahre hessischer
Eisenbahnpolitik, 1836-1896. Leipzig 1912.
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens. 2. Aufl. VIII.

die Privatbahnen genötigt sind, ihre Einrich-
tungen und ihren Betrieb mit denen der Staats-
bahnen in Einklang zu halten. Dieses tatsäch-
liche Verhältnis hat auch keine Änderung er-
litten durch das preußische Ges. vom 28. Juli
1892 über Kleinbahnen und Privatanschluß-
bahnen. Denn diese Kleinbahnen, deren Bau
durch das vorangeführte Gesetz gefördert und
tunlichst der Privatunternehmung überlassen
werden soll, sind Eisenbahnen, die wegen ihrer
geringen Bedeutung für den allgemeinen Eisen-
bahnverkehr dem Ges. über die Eisenbahn-
unternehmungen vom 3. November 1838 nicht
unterliegen. Sie haben in erheblicher Anzahl
schon vor dem Ges. vom 28. Juli 1892 be-
standen und es ist auch im § 30 des Gesetzes
bestimmt, daß, wenn die Eisenbahnen eine solche
Bedeutung für den öffentlichen Verkehr ge-
wonnen haben, daß sie als Teil des allgemeinen
Eisenbahnnetzes zu behandeln sind, der Staat
ihren Erwerb beanspruchen kann. Das Gesamt-
netz der auf preußischem Staatsgebiet
liegenden Eisenbahnen (ausschließlich der
auf außerpreußischem Gebiet belegenen preußi-
schen Staatsbahnen und Privatbahnen) bestand
Ende 1914 aus vollspurigen 36.014 km Staats-
bahnen und 2892 km Privatbahnen, 257 km
Schmalspurbahnen und 14.367 km Kleinbahnen
(nebenbahnähnliche Kleinbahnen und Straßen-
bahnen), im ganzen 53.530 km.
Das preußisch-hessische Eisenbahnnetz bildet
ein Glied des deutschen Eisenbahnnetzes (s.
Deutsche Eisenbahnen). Es ist also den Be-
stimmungen der Reichsverfassung über das
Eisenbahnwesen unterworfen und untersteht
insbesondere auch der Reichsaufsicht innerhalb
der Grenzen der Verfassung und dem Ges. vom
27. Juni 1873 über die Errichtung eines Reichs-
eisenbahnamtes. Die von Reichs wegen ergan-
genen Bestimmungen über das Eisenbahnwesen
(Betriebsordnung, Verkehrsordnung, Militär-
transportordnung, Militärtarife u. s. w.) finden
auf die preußisch-hessischen Eisenbahnen An-
wendung. Die Aufstellung der Personen- und
Gütertarife erfolgt unter Mitwirkung des Reiches
(s. die Art. Gütertarife u. Personentarife).
Über die Fortbildung der Gütertarife sind Ver-
einbarungen mit den übrigen deutschen Eisen-
bahnen getroffen. Auch die technischen Einrich-
tungen sind den reichsgesetzlichen Bestimmun-
gen und Erlassen unterworfen; das Verhältnis
zur Post-, Telegraphen- und Zollverwaltung
wird durch Reichsgesetze geregelt. Die P. unter-
liegen außerdem dem Gesetz über Eisenbahn-
unternehmungen vom 3. November 1838, das
durch kgl. Verordnung vom 19. August 1867
auf die 1866 einverleibten Landesteile, durch
Ges. vom 23. März 1873 auf das Jadegebiet,
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