Röll, Victor von [Hrsg.]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Seite: 199
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Rettungswesen.

trieb am häufigsten mit sich bringt. Allgemein
bekannt sind die Quetschungen und Wunden
der Finger und Hand, wie sie durch Einklemmen
bei Fenster und Tür Vorkommen; besonders gefährlich
sind in dieser Beziehung die schweren, nach beiden
Seiten zu öffnenden Türflügel. Ziemlich selten sind
Verstauchungen desHandgelenks beim Öffnen
schwer gehender Wagentüren, häufig Schnittwun-
den durch Fenster-und Lampenglassplitter,
Quetschungen durch herabfallende Gepäck-
stücke, Zerrungen der Sprung- und Kniege-
lenke durch Abgleiten vom Trittbrett oder unvor-
sichtiges Abspringen u. s. w.
Schwerer einzuschätzen sind die Schädigungenf
die durch Eingeklemmtwerden zwischen den
Buffern entstehen und verschiedene Körperteile
betreffen können. Bei Pressungen von Brust
und Bauch kann sich (auch ohne sichtbare äußere
Verletzung und ohne Läsion innerer Organe) ein
eigentümliches Symptomenbild entwickeln, das unter
dem Namen der Druckstauung oder Stauungs-
blutung (Perthes1, Braun2) bekannt ist. Infolge
Zusammenpressens der Brust-und Bauchhöhle kommt
e^ zu schweren Stauungen des (nach dem Herz ge-
richteten) venösen Bluistroms, der in rückläufiger
Welle zur Überdehnung und Ruptur der kleinen
Gefäße in den höher gelegenen Körperabschnitten
führt. Brust, Hals, Nacken und Gesicht sind blau-
schwarz verfärbt, gedunsen und mit punktförmigen
dunkelroten Blutaustritten bedeckt, die sich auch in
der Schleimhaut des Mundes, der Nase und der
Bindehaut des Auges vorfinden. Bei stärkerer und
länger andauernder Kompression kann unmittelbarer
Tod die Folge sein, andernfalls tritt oft überraschend
schnell vollständige Wiederherstellungein. Diegleichen
Erscheinungen können durch Verschüttung, Ein-
klemmungen aller Art, Quetschung im Men-
schengedränge hervorgerufen werden. Bei der
ersten Hilfe ist auf erhöhte Lagerung des Oberkörpers
und freie Atmung zu achten; sollte künstliche Atmung
notwendig werden, so muß sie mit größter Vorsicht
ausgeführt werden.
Eine spezifische Verletzung bietet das
Überfahrenwerden, wobei ganze Gliedmaßen
zwischen Radkante und Schiene förmlich abgeschnitten
werden können. Diese schweren Verletzungen gehen
in der Regel nur mit geringen Blutungen einher,
weil sich die Fetzen der zerquetschten Gefäßhäute
in die Lichtung hineinrollen und miteinander ver-
flechten, so daß die Blutung unter gleichzeitiger
Zusammenziehung der Gefäßmuskelhaut sowie Ge-
rinnselbildung zum Stehen kommt. Bei länger dauern-
den Transporten ist jedoch immerhin Vorsicht geboten,
da durch Kräftigerwerden der in der ersten Betäubung
abgeschwächten Herztätigkeit doch wieder.Blut aus-
sickern kann; je nach der getroffenen Örtlichkeit
empfiehlt sich dann vorbeugend ein Druckverband
oder die zentrale Umschnürung.
Die schwersten Verletzungen werden
durch Zusammenstöße und Entgleisungen
gesetzt. Es kann sich dabei um eng begrenzte, tief-
reichende und wichtige Gebilde, durchtrennende
Stich- und Rißwunden durch Holz-und Metall-
splitter handeln, um schwere offene Knochen-
brüche und Verrenkungen, wie ausgedehnte Zer-
reißungen und Zermalmungen ganzer Körper-
abschnitte. Beim Lokomotivpersonal sind umfäng-
liche Verbrühungen durch heißen Dampf

1 Dt. Ztschr. f. Chir. 1899, Bd. L, S. 436.
2 Ebenda, Bd. LI, S. 599.

keineswegs selten und noch furchtbarer sind die Ver-
brennungen, wenn die Wagentrümmer durch Ent-
zünden des ausströmenden Gases in Brand geraten;
besonders wichtig ist in derartigen Fallen das Vor-
handensein von großen Verbandstücken, in die man
rasch den Rumpf oder ganze Extremitäten ein-
schlagen kann.
1. Der provisorische Wundverband
hat folgende Aufgaben zu erfüllen: er darf
die Wunde (durch die Beschaffenheit seines Ma-
terials) nicht selbst infizieren und sie überhaupt
in keiner Weise schädigen; er muß sie vor
jeder Verunreinigung von außen schützen und
er soll der definitiven Versorgung durch den
Facharzt in keiner Weise vorgreifen. All diesen
Anforderungen entspricht einzig und
allein das aseptische1 Verfahren, das
darin besteht, daß alles, was mit der Wunde
in Berührung kommt, vorher durch länger
dauernde Einwirkung höherer Temperaturen
keimfrei gemacht wird. Das in jeder Hin-
sicht beste Material zum Wundverband
ist die weiße hydrophile Gaze2; sie kann
durch 1/2stündiges Erhitzen auf 100° C leicht
keimfrei gemacht werden, saugt gut auf und
schmiegt sich weich an. Bedeckt man die Wunde
mit einem derartigen sterilen, trockenen Mull-
stück, so kann sie dadurch niemals infiziert
werden, und jede wie immer geartete sonstige
Schädigung fällt weg; sorgfältige Befestigung
der deckenden Gaze verhindert jede weitere
Entblößung der Wunde und damit eine Infektion
von außen und die Wunde wie ihre Umgebung
werden in keiner Weise verändert. Selbstver-
ständliche Voraussetzung ist dabei, daß die
Wunde mit keinem in chirurgischem Sinn un-
reinen, d. h. nicht sterilen Gegenstand (Finger,
Instrument) berührt wird.
Da ein Abschneiden der Gazestücke von
größeren Ballen unzulässig ist, weil der Stoff
dabei leicht infiziert werden kann, so muß der
sterile Mull in Form von fertigen Einzel-
verbänden, deren Dimensionen den einzelnen
Körperteilen anzupassen sind, vorrätig gehalten
werden. Die Gazestücke müssen (zur Packung)
so zusammengelegt sein, daß man sie entfalten
und anlegen kann, ohne ihre innere Fläche,
die auf die Wunde gelegt wird, irgendwie zu
berühren. Derartige Einzelverbände gibt es
heute in großer Zahl, ihr Vorbild war meist
das Milit rverbandpäckchen; am bekanntesten
im Eisenbahn-Rettungsdienst sind die Unter-
möh len sehen Schnellverbände und Blumes
Fingerling.

1 a als Zeichen der Verneinung, septisch faulend,
also: nicht fäulniserregend, keimfrei, steril.
2 v. Eiseisberg, Grundzüge und Vorschläge zur
Vereinheitlichung des ersten Wundverbandes. Wr.
kl. Wschr. 1913, Nr. 23.
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