Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Page: 351
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Schmalspurbahnen.

In Deutschland, wo die im Jahre 1862 mit
0*785 m erbaute Bröhltalbahn (Rheinprovinz)
lange ohne Nachahmung blieb, beleuchtete der
spätere sächsische Geheime Finanzrat C. Kopeke
auf der Versammlung des Verbandes deutscher
Architekten- und Ingenieurvereine in Hamburg
(1868) die großen Vorteile der schmalen Spur
und regte eine lebhafte Erörterung der Frage
in technischen und wirtschaftlichen Kreisen an.
Im Jahre 1876 fanden die Eisenbahnen mit
1 m und 0*75 m Spurweite auch Beachtung in
den vom VDEV. aufgestellten „Grundzügen
für die Gestaltung der Sekundäreisenbahnen«.
Nachhaltig wirkten der Bau der 7 km langen
Bahn von Ocholt nach Westerstede (0*75 m,
1876) und jener der 44 ktn langen Feldabahn
(1 m, 1878); entscheidend aber war der im
Jahre 1879 gefaßte Entschluß der kgl. sächsi-
schen Regierung, „diejenigen Nebenlinien, die
nur bestimmt sind, neue Landesteile aufzu-
schließen und mit dem bestehenden Bahnnetz
zu verbinden, somit nur als Zuführungs-
straßen für die Hauptbahnen zu dienen haben",
mit der Spurweite von 0*75 m auszuführen.
Nicht minder bedeutungsvoll für die Ent-
wicklung der S. waren die Erfolge der mit 0*76/;/
erbauten, 145 km langen Bahn von Bosnisch-
Brod nach Zepce (Bosnien) und die umfang-
reiche Anwendung der schmalen Spur bei dem
Ausbau des Eisenbahnnetzes in Norwegen und
Schweden.
Bei der Besetzung Bosniens durch die öster-
reichisch-ungarischen Truppen im Jahre 1878 wurde
die für die Verpflegung der Truppen dringend notwen-
dige Bahn von Bosnisch-Brod ins Innere des Landes
unter Verwendung der vom Bau der Linie Temes-
var-Orsova noch vorhandenen und frei verfügbaren
Lokomotiven und Wagen mit 0*76 m Spurweite her-
gestellt und in Betrieb genommen. Bei dauerndem
Ausbau und bei Fortsetzung der Bahn behielt man
die schmale Spur bei, während der Unterbau die
für Vollspur notwendigen Ausmaße erhielt. Erst in
jüngster Zeit wurde der Umbau der militärisch wich-
tigsten Linien auf Vollspur beschlossen.
In Norwegen und Schweden führte die Boden-
gestaltung schon frühzeitig zur Aufnahme der Schmal-
spur als vollberechtigtes Glied in das Eisenbahnnetz.
In Norwegen baute der Staat alle Bahnen, die nicht
eine Verbindung mit Vollspurbahnen des Nachbar-
landes herstellten, aus wirtschaftlichen Gründen mit
schmaler Spur, so daß zu Ende des ersten Halb-
jahrs 1891 hier schon 969 £/7z schmalspuriger Bahnen
bestanden. In Schweden sah die Privatbautätigkeit,
der der Staat die Zweigbahnen untergeordneter Be-
deutung überließ, in der Anwendung der schmalen
Spur ein wirksames Mittel zur Herabminderung der
Baukosten, so daß im Jahre 1905 schon 30 % aller
Privatbahnen schmalspurig waren.
Ausgedehnte Anwendung fand die Schmal-
spur in Belgien seitens der im Jahre 1885
begründeten „Societe des chemins de fer", die
unter Mitwirkung des Staates, der Provinzen
und Gemeinden Nebenbahnen erbaut (s. Art.

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Belgische Nebenbahnen), wie auch bei den
Straßenbahnen in den Niederlanden und in
Italien. Das Eisenbahnnetz Griechenlands
besitzt entsprechend den Schwierigkeiten des
Geländes mit Ausnahme einer einzigen Linie
nur S.; ebenso hat Spanien seit dem Jahre
1880 den Ausbau seines Bahnnetzes durch An-
wendung der Schmalspur gefördert. In Eng-
land ist infolge der großen Entwicklung des
Eisenbahnnetzes und in Rücksicht auf seine
Bodengestaltung kein lebhaftes Bedürfnis für
S. vorhanden.
Über die Länge der S. in europäischen Staaten
gibt die nachstehende Übersicht einige Anhalts-
punkte; Straßenbahnen sind nicht inbegriffen.
Übersicht der Länge derS. in europäischen
Staaten.

Land
Länge
km
Zu
Ende
des
Jahres
Deutschland.
2219
1913
Preußische Staatsbahnen . . .
240
1913
Nebenbahnähnliche Kleinbahnen
in Preußen .
6038

Württembergische Staatsbahnen
101
1913
Sächsische Staatseisenbahnen
511
1913
Mecklenburg.
31
1914
Mecklenburg-Pommersche S. . .
181
1914
Bayerische Staatsbahnen . . .
115
1913
Reichseisenbahnen in Elsaß-Loth-
ringen.
80
1913
Österreich.
1392
1912
Ungarn..
1342
1914
Bosnien und Hercegovina:
Landesbahnen .
935
1912
andere Bahnen .
89
1912
Frankreich.
9673
1911
Belgien.
4707
1912
Schweiz.
1382
1914
Portugal.
450
1910
Italien.
1492
1914
Schweden .
3317
1912
Norwegen.
1224
1914
Finnland (Privatbahnen) ....
164
1910
Sizilien..
87
1913
Livland, Kurland, Estland1 . . .
708
1914
Serbien.
469

Montenegro.
42
, —
1 Russische Ostseeprovinzen.

Außerhalb Europas hat die Schmalspur
überall, wo die Eisenbahn nicht dem unmittel-
baren Einfluß Englands unterstand (wie z. B.
in Britisch-Ostindien), schon frühzeitig ausge-
dehnte Anwendung gefunden, namentlich zur
Erschließung und Kultivierung unbesiedelter
Gegenden. Das war namentlich in den Ver-
einigten Staaten Amerikas, in Argentinien, Bra-
silien, Bolivia der Fall, in welchen Ländern
auch Gebirgsbahnen mit der Bedeutung von
Hauptbahnen, z. B. Bahnen über die Anden,
schmalspurig erbaut wurden. In Asien be-
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