Röll, Victor von [Editor]
Enzyklopädie des Eisenbahnwesens: herausgegeben von Dr. Freiherr v. Röll (Achter Band): Personentunnel - Schynige Platte-Bahn — Berlin, Wien, 1917

Page: 438
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Schweizerische Eisenbahnen.

Eisenbahnunternehmen, sondern einzelne ge-
trennte Unternehmungen, zu denen die Mit-
wirkung der jeweilen beteiligten Kantone auf
dem Weg der Verständigung notwendig war,
geschaffen worden wären. Die Hauptzüge des
vorgeschlagenen Eisenbahnnetzes (s. Übersichts-
karte) waren geeignet, in großen Landesteilen
gerechtfertigten Widerspruch hervorzurufen.
Dazu kamen Bedenken gegen eine staatliche
Eisenbahnschuld und die Furcht vor den
Opfern, die den Kantonen drohten.
Außerdem hatte sich in einzelnen Kantonen
bereits eine rege Tätigkeit zur Begründung
von Bahnen entwickelt, die die Hoffnung recht-
fertigte, daß sich die Herstellung der Eisenbahnen
auch ohne finanzielle Beteiligung des Bundes
werde erreichen lassen. Der schweizerische
Nationalrat lehnte am 28. Juli 1852 den Vor-
schlag des Bundesrats ab und erließ ein Ge-
setz mit folgenden wesentlichen Bestimmungen:
Der Bau und Betrieb von Eisenbahnen im Ge-
biet der Eidgenossenschaft bleibt den Kan-
tonen und der Privattätigkeit überlassen.
Die Konzessionen werden von den Kan-
tonen erteilt, unterliegen jedoch der Geneh-
migung des Bundes, der vor allem zu prüfen
hat, ob durch die Herstellung der betreffenden
Eisenbahn die militärischen Interessen der
Eidgenossenschaft verletzt werden. Allen
Eisenbahnen ist das Enteignungsrecht ein-
geräumt. Die Eisenbahnen sind dem Bund
gegenüber zur unentgeltlichen Postbeförderung,
zur Gestattung der Anlage von Telegraphen-
linien längs der Bahn, zur Militär- und Kriegs-
materialbeförderung um die Hälfte der nied-
rigsten Taxe verpflichtet. Es sind jeweils
Fristen zum Beginn der Erdarbeiten sowie zur
Leistung des Finanzausweises festzusetzen, deren
Nichteinhaltung den Verfall der Bundes-
genehmigung nach sich zieht. Der Bund wird
die nötigen Bestimmungen zur Sicherung der
technischen Einheit der S. aufstellen. Jede Eisen-
bahn ist verpflichtet, den Anschluß anderer Eisen-
bahnunternehmungen zu gestatten; im Streit-
fall entscheidet der Bund. In jedem einzelnen
Fall sind der Zeitpunkt und die Bedingungen
für den Rückkauf der Bahnen durch den Bund
festzustellen, falls er von diesem Recht Gebrauch
machen will. Wenn ein Kanton den Bau einer
Eisenbahn erschwert oder verhindert, ohne
selbst deren Herstellung zu unternehmen, so
kann der Bund das Erforderliche verfügen.
Die Beziehungen zum Ausland in Eisenbahn-
sachen werden nach den Vorschriften der
Bundesverfassung behandelt.
2. Die Entwicklung der S. unter der
Herrschaft des Ges. von 1852. Das erste
Auftauchen des Rückkaufsgedankens.

j Die Alpenbahnbestrebungen. Der Gott-
hardvertrag. Die Geltung des Ges. von 1852
dauerte vom 28. Juli 1852 bis zum 23. De-
zember 1872 und bezeichnet eine Periode erster
Entwicklung der S. Die ersten Konzessionen
wurden von der Bundesversammlung im Au-
gust 1852 genehmigt. Sie wurden ihrem Inhalt
nach ziemlich übereinstimmend abgefaßt. Sie
unterstellten die Gesellschaftsstatuten der Ge-
nehmigung der Kantonsregierungen, ebenso
die allgemeinen Baupläne über die Richtung
der Bahnen und die Lage der Bahnhöfe. Die
I Bahnen durften dem Betrieb nur mit Bewilli-
! gung der Kantonsregierungen übergeben wer-
! den, die sich auch das Oberaufsichtsrecht über
I den Zustand der Bahnen wahrten. Über die
Höhe der Tarife, die Schnelligkeit der Züge
| u. s. w. enthielten die Konzessionen Bestim-
mungen. Das Rückkaufsrecht der Bahnen
samt allem Zubehör wurde den Kantonen
und dem Bund jeweils nach Ablauf des 30.,
45., 60., 75., 90. und 99. Jahres nach der
Betriebseröffnung gegen eine Entschädigung
gewahrt.
Auf diesen gesetzlichen Grundlagen gelang
es, in den verschiedenen Landesteilen in ver-
hältnismäßig kurzer Zeit ein Netz von Eisen-
bahnen herzustellen, das die ersten Erwar-
tungen, die an den Eisenbahnbau in der Schweiz
geknüpft worden waren, weit übertraf. Diese
Bahnen bedienten die Hauptrichtungen des Ver-
kehrs, und das internationale Kapital interessierte
sich für sie demgemäß schon von Anfang an. In
Basel, Zürich, St. Gallen, Schaffhausen ent-
standen Komitees, deren Anstrengungen die
Begründung der schweizerischen Zentralbahn
(•s. d.), der schweizerischen Nordostbahn (s. d.),
der St. Gallen-Appenzellischen Bahn, der Glattal-
bahn (s. Vereinigte Schweizer Bahnen), der
Rheinfallbahn u.s.w. gelang; bei anderen Unter-
nehmungen waren von Anfang an ausländische
Unternehmer mit beteiligt, so bei der ehe-
maligen Südostbahn (s. Vereinigte Schweizer
Bahnen) und bei den westschweizerischen
Bahnen: Walliser Bahn, Westbahn, Jougne-
Bahn, Verrieres-Bahn, Jurabahn, die später
dem Netz der Jura-Simplon-Bahn (s. d.) ein-
verleibt wurden.
Bei allen diesen Unternehmungen waren
Kantone und einzelne Gemeinden mit Kapi-
talien in mäßigem Umfang beteiligt, mit Aus-
nahme des Kantons Ereiburg, der sich früher
als andere genötigt sah, für die Linie von
Lausanne über Freiburg nach der Berner
Grenze (s. Jura-Simplon-Bahn) größere Opfer
zu bringen, weil sich sonst keine Gesellschaft
zu deren Ausführung gebildet hätte.
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