Brinckmann, Justus
Kunst und Handwerk in Japan (Erster Band) — Berlin, 1889

Seite: 35
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Die Wohnung der Japaner.

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Den Umfassungswänden entsprechend wird der etwa einen Meter
hohe Raum zwischen dem Erdboden und dem Bretterboden des
Hauses bisweilen durch eine Verschalung oder durch Füllmauern abge-
schlossen, ohne jedoch für wirtschaftliche Zwecke nutzbar gemacht
zu werden; unterhalb des Umganges aber bleibt er stets offen und läfst
so die pfahlbauartige Anlage des japanischen Hauses deutlich hervor-
treten. Diese wird selbst bei gröfseren, palastartigen Gebäuden noch
dadurch bekräftigt, dafs man mit Vorliebe in ein seichtes, mit Lotos
oder blauen Schwertlilien dicht bestandenes Gewässer hinausbaut
oder einen den Garten durchrieselnden Bach unter dem Hause oder der
Veranda fortleitet.
Dem offenen Raum unter der Veranda fällt in geschichtlichen
Erzählungen und Romanen oft eine bedeutsame Rolle zu. Dort ver-
birgt sich — in der Geschichte von den treuen Ronin — der Späher
des bösen Daimio Moranowo, um den getreuen Yuranosuke zu be-
lauschen, als dieser auf der Veranda des Theehauses den Brief der
Wittwe seines Herren liest, und durch die Fugen des Bretterbodens
stöfst Yuranosuke sein Schwert dem darunter kauernden Verräther
in den Rücken. Wie das japanische Haus von innen durch das Ein-
setzen hölzerner Läden zwischen dem Dachrande und der Veranda
völlig abgesperrt wird, veranschaulicht uns die Schilderung des Rache-
zuges der Ronin in demselben volksthümlichen Buche. Die Umfassungs-
mauern des Schlosses Moranowo’s sind überstiegen, die Wächter über-
rumpelt, und die Verschworenen stehen vor dem rings verschlossenen
Wohngebäude, ohne eine schwache Stelle in der langen. Reihe der
hölzernen Läden entdecken zu können. Da läfst Rikiya, der junge
Sohn des Führers der Verschworenen, ungespaltene Bambusstangen
durch starke Schnüre in Bogen spannen und die Enden derselben in
die oberen und unteren Laufrinnen, in welchen die Amado gleiten, ein-
fügen. Im selben Augenblick werden alle Sehnen durchschnitten, die
Bambusstangen sprengen durch ihre Schnellkraft die Balken der oberen
und der untern Laufrinnen auseinander. Die ganze Reihe der Läden
fällt mit lautem Klatsch zu Boden, und die
Rächer dringen ein, den Mörder ihres Herrn
zu suchen.
Von der Veranda führen hölzerne
Stufen herab, und auf einer hölzernen,
schmalen und steilen Treppe steigt man
in das obere Geschofs, welches auf manchen
Häusern, durchweg von kleinerem Grundrifs
als das Erdgeschofs, daher erheblich gegen
dieses zurücktretend, sonst aber von ähnlicher
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