Brinckmann, Justus
Kunst und Handwerk in Japan (Erster Band) — Berlin, 1889

Page: 36
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Kunst und Handwerk in Japan.

Bauart, mit weit vorkragendem Dache und freiem Umgang unter dem-
selben angelegt ist. Ein verdeckter in der Höhe des Fufsbodens der
Veranda fortlaufender Gang führt zu dem aufserhalb des Hauses
liegenden Abort, dessen Lage in den Garten-Ansichten durch das
grofse Wassergefäfs mit dem Schöpflöffel zum Begiefsen der Hände
und das daneben in einem Ringe hängende Tuch zum Abtrocknen an-
gedeutet zu werden pflegt.
Der Grundrifs des gewöhnlichen Hauses ist meistens ein einfach
rechteckiger; häufig aber wird ihm in Folge von Zufälligkeiten des
Bauplatzes oder besonderer Bedürfnisse des Erbauers durch vor- oder
rückspringende Theile gröfsere Mannichfaltigkeit gegeben. Die innere
Gliederung entbehrt schon deswegen eines durchschlagenden Einflusses
auf die äufsere Gestaltung, weil sie als eine feste gar nicht besteht
und durch Herausnahme der inneren Schiebewände — Fusuma — die
einzelnen Zimmer beliebig zu gröfseren Gemächern vereinigt oder durch
neu eingesetzte leicht in kleinere Räume abgetheilt werden können.
Der Grundrifs der Zimmer wird in seinen Maafsen durch die
Gröfsen-Einheit der Matten bestimmt, mit denen der Fufsboden belegt
zu werden pflegt. Diese Matten — Tatami — sind durchweg Rechtecke
von 3 zu 6 Shaku, etwa i zu 2 Meter Seitenlänge. Je nachdem der Fufs-
boden, um völlig bedeckt zu sein, 3, 6 oder mehr Matten der Einheits-
gröfse erfordert, spricht man von Zimmern von 3, 6 oder mehr Matten.
Dieses Einheitsmafs des Grundrisses wirkt wieder auf die übrigen raum-
abschliefsenden Bestandtheile, und hieraus folgt, dafs die meisten der zur
Erbauung eines Hauses erforderlichen Holztheile, zunächst alle Schiebe-
wände nach bestimmten Maafsen zugeschnitten von den Zimmerleuten auf
Lager gehalten werden können, ein Umstand, welcher den raschen
Aufbau der durch Feuer zerstörten Stadttheile wesentlich erleichtert.
Die Zimmer-Matten werden meistens aus einer gemeinen, auf
sumpfigem Boden angebauten Binsenart, Juncus effusus, geflochten,
deren Mark auch als Docht in Kerzen und Lampen dient. In einigen
Gegenden liefern Cypergräser den Stoff, für gewöhnlichere Matten
auch Reisstroh und Rohrkolben. Die Kanten der Matten werden an
den Langseiten mit einem Streifen schwarzen, bisweilen weifs gemusterten
Gewebes eingefafst und die Matten so geordnet, dafs stets die Ecken
zweier Matten inmitten der Langseite einer dritten Matte Zusammen-
treffen. Da die Matten drei bis vier Centimeter dick mit grobem
Zeug oder Strohgeflecht unterpolstert werden, halten sie die von unten
eindringende Kälte ab und bieten eine saubere und weiche Gehfläche,
auf welcher der Fufs einer festen Bekleidung nicht bedarf, daher die
Sandalen oder hölzernen Sockel, welche man auf der Strafse trägt, am
Eingang in das Haus oder Zimmer zurückgelassen werden.
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