Brinckmann, Justus
Kunst und Handwerk in Japan (Erster Band) — Berlin, 1889

Page: 54
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Kunst und Handwerk in Japan.

zahl von Göttern, Verkörperungen von Kräften und Erscheinungen der
Natur entspringen, unter ihnen die Sonnengöttin, deren Enkel Ninigi-
no-Mikoto auf die Erde herabsteigt und dort die schöne Tochter
eines Berggottes freiet. Der Enkel dieses Paares*war Jimmu-Tennö,
welcher die Reihe der Kaiser eröffnet. Aus seinen Nachkommen
gehen noch heute Japans Kaiser hervor.
Die Shintögötter — Kami — sind nicht den erhabenen, sitten-
reinen Heiligen des Buddhismus vergleichbar, sondern in den Augen
des Volkes mit irdischen Sinnen und Gefühlen, mit irdischer Freude
an Speise und Trank und an anderer Ergötzlichkeit begabte Menschen-
kinder. Ihre Zahl ist eine grofse und kann stets durch den Willen
des Mikado vermehrt werden. Anrecht auf die Erhebung in den
Kami-Stand gaben hohe Verdienste um den Staat oder die Mensch-
heit, grofse Tapferkeit, Gelehrsamkeit, Wohlthätigkeit. Doch gab es
unter den Kami verschiedene Rangstufen und wem nach seinem
Tode jene Ehre zu Theil wurde, dem wies der Mikado zugleich seine
Stellung unter den göttlichen Genossen an. Unter den zahllosen Er-
denkindern, welche auf diesem Wege zur Göttlichkeit aufstiegen, haben
aber doch nur wenige sich einer allgemeineren Verehrung dauernd zu
erfreuen gehabt und nur diese wenigen sind es, welche uns in der bil-
denden Kunst öfter begegnen. Wohl verabscheut der reine Shintö
Götterbilder als Gegenstände des Cultus, aber der Japaner versagt
sich darum nicht die bildliche Darstellung der grofsen Männer seines
Volkes und in einigen Misch-Secten hat der Einflufs des bilderdiene-
risch ausgearteten Buddhismus zur Darstellung und Verehrung von
Kami unter göttlicher Gestalt geführt.
Zugleich werden auch von den japanischen Buddhisten nach dem
Tode heilig gesprochene Helden, fromme Priester und andere berühmte
Männer als heilige Geister, Gongen, verehrt. So z. B. der berühmte
Shogun Iyeyasu unter dem posthumen Namen Sho-ichi-i-to-sho-dai-
Gongen, d. h. Fürst ersten Ranges, Licht des Ostens, grofser Gongen,
oder abgekürzt Gongen Sama schlechthin. Viele Kami, so auch
Yeyas, wurden von den Buddhisten als Gongen anerkannt und spielen
im Cult derselben etwa dieselbe Rolle wie die Heiligen im Cult der
christ-katholischen Kirche.
Der landeswüchsige Ahnencult der Shintö-Bekenner hat durch
den Einflufs chinesischer Ideen noch eine Verstärkung erfahren und wie
in China hat die sinnliche Auffassung des jenseitigen Lebens auch in Japan
zu Ausartungen geführt. Die Beobachtung des Gesetzes des Koshi,
welches nur in sinnbildlichem Geiste die Opferung reinen Wassers
und ungewürzten Reises vorschreibt, hat sich zur mifsbräuchlichen Auf-
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tischung vollständiger, mit Saki wohlversehener Mahlzeiten vor den
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