Brinckmann, Justus
Kunst und Handwerk in Japan (Erster Band) — Berlin, 1889

Page: 94
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Kunst und Handwerk in Japan.

Tages oder der Nacht werden die kleinen, leichtbeweglichen Möbel
und Geräthe herbeigetragen und aufgestellt, um nach dem Gebrauche
wieder bei Seite geschafft zu werden.
Nur in reicheren Häusern finden sich niedrige, etwa tischhohe
Etageren, unten mit Schieb- oder Klappthüren, oben mit offenen,
wechselvoll angeordneten Börtern, auf denen kleine Ziergefäfse, Lack-
dosen oder Bilderrollen bewahrt werden. Sie bestehen, wie alle übrigen
Möbel, aus lackirtem Holze, meist mit Goldmalereien auf spiegelnd-
schwarzem Grunde; ihre Ecken sind mit metallenen, gravirten Be-
schlägen versichert und oft mit lose angehängten Seidenquasten ge-
schmückt. Diese Quasten, die ganz ohne greifbaren Zweck an ihren
metallenen Haken hängen, sind als rudimentäre Erinnerungen an eine
nicht mehr übliche Bedeckung der Etageren-Börter mit gewebten und
sachgemäfs bequasteten Decken zu deuten. Das im Jahre 1704 ver-
öffentlichte Werk „Tan-chakii-dzufu“ zeigt unter seinen merkwür-
digen Farbendrucken berühmter Altsachen eine Etagere, auf deren
wagrechte Flächen grünes, mit vielfarbigen Spiralen und Wellen-Wappen
(Tomoye-Mon) gemustertes Seidengewebe gelegt ist. Die in den Farben
zum Gewebe gestimmten, bequasteten Schnüre erscheinen hier nicht in
besondere Haken gehängt, sondern an den Seidendecken selbst befestigt.
Gröfsere schwere Möbel oben beschriebener Anlage, wie sie in
neuerer Zeit zu uns kommen, besonders diejenigen, deren Fülltafeln mit
grofsen, geschnitzten Blumen- und Fruchtstücken oder Stillleben aus far-
bigen Hölzern, Elfenbein und Perlmutter prächtig geschmückt sind, finden
in der japanischen Wohnung alten Stiles keinen Platz und sind meistens
nur für den abendländischen Markt gearbeitet. Dasselbe gilt von
den hie und da noch bei uns in alten Schlössern bewahrten metall-
beschlagenen, lackirten Zierschränken europäischer Bauart, welche die
Holländer im 17. und 18. Jahrhundert von Japan nach Europa gebracht
haben. Niemals wird man einem dieser Möbel in den Darstellungen
begegnen, welche die japanischen Bilderbücher uns von den Einrichtungen
fürstlicher oder bürgerlicher Wohnungen der letzten zwei bis drei Jahr-
hunderte in so reicher Fülle entrollen.
Ganz niedrige Etageren dienen
den Schriftstellern zum Bewahren der
Bücher, welche sie bei ihren Arbeiten
zur Hand haben wollen, und vor-
nehme Damen geben solchen Bücher-
gestellen wohl einen Ehrenplatz im
Tokonoma des Frauengemaches, wo
sonst das Schwertergestell des Mannes
Etagere für Bücher. Stellt.
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