Brinckmann, Justus
Kunst und Handwerk in Japan (Erster Band) — Berlin, 1889

Page: 118
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Kunst und Handwerk in Japan.

Europa-Sucht verfallenen Landsleute Luft machen, begegnen wir gleich
uns gekleideten Japanern. Das Kunsthandwerk kennt deren noch durch-
aus nicht. An der altererbten Tracht, wie sie die Väter des heutigen
Geschlechtes noch ausschliefslich getragen haben, hält es so fest, als
habe es niemals einen Frack gegeben.
Für das Verständnifs der kunstgewerblichen Darstellungen ist
die Kenntnifs der wichtigsten alten Trachten und der Moden, welche
unter der langen friedlichen Herrschaft der Shogune des Tokugawa-
Stammes sich entwickelt hatten, ein Hülfsmittel, dessen der Sammler
japanischer Alterthümer in vielen Fällen bedarf, wo es gilt, Personen
und Ereignisse auf ihre geschichtliche Bedeutung zu bestimmen, und
im Allgemeinen, um chinesische Vorgänge von ihnen ähnlichen japa-
nischen zu unterscheiden.
Das Hauptkleid der Japaner ist der Kimono, ein offener Aermel-
rock, welcher vor der Brust von links nach rechts übergeschlagen und
mit einem gewebten Gürtel, Obi\ am Leibe festgehalten wird. Je nach
Stand und Reichthum wird er kürzer oder länger, mit kurzen oder
lang herabhängenden Aermeln, aus schlichtem Baumwoll- oder Hanf-
gewebe oder kostbarem gemusterten Seidenstoff getragen. Als Kleid
der Bauern aus einfarbigem, meist indigblauem Stoffe, deckt er nur die
Kniee. Bis auf die Knöchel reichend tragen ihn die Vornehmen, und
als Okaidori, Frauengewand, wächst er bis über die Füfse zum nach-
wallenden Schleppkleide, dessen unterer Rand durch einen wattirten
Wulst abweichend gefärbten Stoffes eingefafst ist. Je nach den Jahres-
zeiten nimmt man ihn aus leichtem oder dichtgewebtem Stoffe, wattirt
ihn oder zieht mehrere Kimono übereinander. So die eleganten
Damen, welche oft eine ganze Reihe leichtgewebter, durch Farbe und
Musterung unterschiedener Okaidori einen über dem andern tragen.
Auf Reisen und im Kriege schürzt der Träger des langen Kimono ihn
mit Hülfe des Gürtels bis über die Waden hinauf, doch nicht selten
sieht man auf Bildern alter Zeit den vornehmen Krieger auch mit der
Gliederrüstung über dem ungeschürzten Kimono.
Die weiten Aermel des Kimono haben nicht wie unsere Aermel
eine röhrenförmige Oeffnung zum Durchstecken der Hand, sondern
einen seitlichen Schlitz und sind an ihrem unteren Ende ganz oder zur
Hälfte zugenäht. Die dadurch gebildeten Säcke, Tamolo, vertreten die
Stelle von Taschen, in denen man durch Einziehen des Armes die
Hand vor Kälte schützt, und die Blätter weichen Papieres bewahrt,
deren der Japaner sich anstatt des Taschentuches bedient, um sie nach
jedesmaligem Gebrauche von sich zu werfen. Mit Steinen füllt die
Tamoto, wer ein nasses Grab unseligem Leben vorzieht. Die langen,
oft bis zum Boden niederhängenden Aermel der Frauengewänder ent-
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