Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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VORWORT DES HERAUSGEBERS

Die Neuauflage dieses lange vergriffenen und gesuchten Buches ist
allein schon durch die Tatsache gerechtfertigt, daß in ihm einige ge-
niale Einsichten niedergelegt wurden, die heute noch genauso gültig
sind wie bei seinem ersten Erscheinen 1917. Man kann nicht sagen,
daß der Inhalt des Blüherschen Buches von der Psychiatrie, von der
philosophischen Anthropologie oder von der jugendkundlichen For-
schung wirklich rezipiert worden sei, obwohl es immer wieder zitiert
wird, meistens indem der Autor sich kritisch reserviert. Eine wirk-
liche Auseinandersetzung mit Hans Blühers Hauptthese, daß der auf
die menschliche Staatenbildung hin angelegte Männerbund eine klar
aufweisbare Funktion im Haushalt der Natur habe, ist damals nicht
erfolgt. Ob das heute geschehen wird, ist mir fraglich, weil die meisten
Leser den geschilderten Phänomenen der gleichgeschlechtlichen Liebe
gegenüber, insbesondere der des Mannes zum Jüngling, noch genauso
befangen und vielleicht mit heute noch stärkeren Vorurteilen belastet
sind. Allerdings verlangt der Autor dieses Buches vom Leser, daß er
eine hohe Peinlichkeitsschranke abbauen soll, was wohl immer nur
wenigen gelingt.
Wer das Buch des 1888 geborenen Verfassers selber vor Jahrzehnten
schon einmal gelesen hat und heute erneut zu Gesicht bekommt,
wird verblüfft sein, wie unmittelbar das so sprunghafte Denken Hans
Blühers immer noch wirkt, wie lebendig seine Sprache ist und wie
großartig seine Formulierungen häufig ausgefallen sind. Manches
wird dem heutigen Leser allerdings auch sehr barock und verquer
erscheinen, obschon bei dieser Neuauflage eindeutig Skurriles, Über-
holtes oder Unhaltbares fortgestrichen wurde, jedoch ohne den Duktus
der Gedankenführung Blühers zu verändern oder zu verkürzen. Ins-
besondere sind einige schwache Kapitel des zweiten Bandes fortgelas-
sen worden, deren Neuabdruck nicht vertretbar gewesen wäre. Ein im
Nachlaß Blühers erhaltenes Vorwort aus dem Jahre 1949 für eine schon
damals geplante Neuauflage ist dafür hinzugekommen, ebenso ein
Anhang über Blühers Erosbegriff (von Werner Achelis) und eine Er-
gänzung zu Blühers Bemerkungen über Benedikt Friedlaender.

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