Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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DIE NIEDERLAGE EINER WISSENSCHAFT

Vorwort zum siebzehnten Tausend
(1949)

Ich schreibe als Vorwort zu diesem siebenzehnten Tausend der „Rolle
der Erotik“ ein Stück Wissenschaftsgeschichte, das verhängnisvoll in
das Schicksal unseres Landes und Europas eingegriffen hat. Um die
Jahrhundertwende herum meldeten sich mit zunehmender Häufigkeit
in den Sprechzimmern der Ärzte Männer, die von einer sonderbaren
Krankheit befallen waren — wie sie sagten — und von der sie
geheilt zu werden wünschten. Ihr Geschlechtstrieb nämlich — so
sagten sie — richte sich merkwürdigerweise nicht, wie sonst bei den
Menschen auf das Weib, sondern auf den Mann. Infolge dieser Ano-
malie, die sie sich nicht erklären konnten, beschäftigten sie sich zwangs-
weise fast ständig mit dieser Tatsache, so wie jemand, der Zahn-
schmerzen hat, ständig an seine Zähne denkt. Sie kamen sich wie
Weiber vor, manche trugen auch Weiberkleider, teils heimlich, wenns
niemand sah,teils offen — gleich nannte die Wissenschaft sie „Trans-
vestiten“ — andere wieder zeigten unverkennbar Spuren körper-
licher Verweiblichung, sie hatten vergrößerte Brüste, rautenförmig
gewachsene Schamhaare, mangelnde Behaarung an Beinen, Armen
und Brust, manche sogar in Richtung auf das Weibliche veränderte
Genitalien: „peniscrotale Hypospadien“ — und dergleichen mehr.
Alle aber begehrten sexuell den Mann, das war ihr gemeinsames
Merkmal. Da sich die Fälle häuften, erschienen sie in den Fachzeit-
schriften, wurden Gegenstand kollegialer Gespräche und fingen all-
mählich überhaupt an, das öffentliche Interesse zu erregen. Das erste
nun, was bei einer wissenschaftlichen Behandlung nötig wird, ist, dem
Gegenstände der Forschung einen Namen zu geben, und die wenig-
sten Gelehrten sind informiert genug, um zu wissen, daß sich hier-
bei bereits der Verlauf der künftigen Wissenschaft entscheidet. Die
meisten denken, Namen seien Etiketten, die man auf Vereinbarung
aufklebt, und niemand kommt auf den Gedanken, daß die Werte von
den Dingen selber stammen. So schlug man denn die Lexica antiker
Sprachen auf — der griechischen oder der lateinischen, das ist noch
nicht ganz heraus — und erfand einen Namen aus beiden Sprachen
zusammengesetzt. Das verhängnisvolle Wort war von einer seltsamen

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