Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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PROLOG

ie Staatlichkeit des Menschengeschlechtes hängt weder ab von sei-

nem Geist, noch von seiner Ökonomie. Denn das waren die beiden
Gebiete, auf denen man sie zu ergründen suchte, und sie waren es auch
zugleich, auf denen diese Versuche scheiterten. Es gibt ein tiefer ver-
ankertes Schicksal, das das Menschengeschlecht in diese Situation zwang,
in der es sich tatsächlich befindet.
Es ist erlaubt, über den Staat so gering wie möglich zu denken — und
es scheint Zeiten zu geben, wo nur dieses Denken gestattet ist —, näm-
lich so, daß man ihn nur benutzen darf, um das Gewöhnlich-Mensch-
liche regelrecht zu befriedigen; diese Auffassung heißt liberal. Aber es
ist auch erlaubt, den Staat so hoch wie möglich zu stellen, in ihn das
ganze Menschentum zu gießen und den Einzelnen einfach vor ihm ver-
schwinden zu lassen; diese Auffassung heißt sakral oder konservativ.
Es ist aber nicht erlaubt zu sagen, daß der Mensch irrtümlicherweise
zum Staate kam. Man kann jede gewesene Form von Staat rückgängig
machen (und welche verdiente es nicht!) als einen Irrtum, nicht aber
ihn selbst; so wie man jede Form von Religion zurückweisen darf,
aber die Religiosität des Menschen unangetastet stehenlassen muß.
Daß der Mensch den Staat zuweilen heilig nimmt und sich für ihn
opfern kann, das ist das Entscheidende, und alles, was bisher Staat
geheißen hat, kann dabei bis in die letzte Verknotung seiner Struktur
verwerflich sein. Es bleibt immer ein Rest, der sich nicht mehr von der
Kritik auf lösen läßt: der Wille zur Hingabe an eine übergeordnete
Gemeinschaft.
Niemand meint heute noch, daß es dem Ökonomismus gelingen könne,
das Wesen der menschlichen Staatsbildung zu ergründen. Er kann nur
die verschiedenen Darstellungen von Staaten aufzeigen und ihre wirt-
schaftliche Gebarung enthüllen; warum aber der Mensch überhaupt zur
Staatsbildung schreitet, das bleibt ihm verschlossen. Die Theorien über
die Urformen des Staates, die sidi dort finden, setzen immer schon das
staatlich eingefügte Volk voraus: es sind schon Staaten, die sich dort
aufeinanderstürzen, sich unterjochen und im späteren Verschmelzungs-
prozeß einen neuen Staatstypus erzeugen. Die ökonomistische Ge-
schichtsauffassung kommt also um einen Akt zu spät.


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