Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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I. KAPITEL

WISSENSCHAFTLICHE
UND VORWISSENSCHAFTLICHE
SEXUOLOGIE

Die Wissenschaft, die man Sexuologie zu nennen pflegt, befindet sich
augenblicklich in einer entscheidenden Wende; sie wird von einem
Klärungsprozeß durchzogen, der, äußerlich die Formen eines Ge-
lehrtenkampfes zwischen zwei Schulen tragend, in seinem inneren
Richtungswillen einem bestimmten Ziele zustrebt. Und dieses Ziel
heißt: Umwandlung des Sexualitätsbegriffes.
Um einen Vergleich — der sogar das wirklich gleichlaufende Stück
Weg ist — aus einer anderen Wissenschaft zu geben, sei an folgenden
Begriffsumschwung erinnert: unter „Fall“ verstand man früher nur
jenen ganz gesonderten Vorgang des schnellen sichtbaren Herunter-
fallens eines Körpers, den man einzeln beobachtete und der sonst
weiter nichts auf sich hatte. Da — man denke an den fallenden Apfel
in Newtons Garten — bekam er auf einmal eine ganz andere Bedeu-
tung. Er wurde aus seiner Vereinzelung herausgerissen, durch einen
genialen Blick zum Sonderfall einer allgemeinen Tatsache degradiert,
die seitdem Gravitation heißt. Man bedenke die Großartigkeit dieser
Begriffskatastrophe: das astronomische Weltall, auf den ersten Blick
die stillstehendste Tatsache, die man sehen kann, auf den zweiten eine
leise und kreisförmig bewegte . . ., dieses Weltall in seinem statischen
Wesen nichts weiter, als ein verhaltener Fall freier Körper!
So ähnlich steht es heute mit der Sexualität. Und die Wissenschaft von
ihr steht sogar an genau der gleichen Wende. Vor einigen Jahren ver-
langte man auf einem Ärztekongreß: man solle protokollarisch fest-
legen, daß man in Zukunft unter Sexualität nur einen ganz bestimmten
Vorgang verstehen wolle, den bisher noch nie jemand als nicht-sexuell
angesprochen hatte — gemeint war der Begattungsakt —, damit end-
lich das fortwährende Schwanken der Begriffe aufhöre. Als ob man bei
einem Begriff, dessen Befund von der Natur selbst in die Erkenntnis-
vorgänge hineingereicht wird, einfach „festlegen“ könne, was an Din-
gen zu ihm gehört und was nicht, so wie man das — unter erkenntnis-
theoretisch ganz anderen Umständen — bei Maßen und Gewichten tut.
Oder wie man sagt: wir wollen eine Ebene, die so und soviel Meter

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