Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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II. KAPITEL

PSYCHOLOGIE

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Die Sexualität wird unmittelbar wahrgenommen als ein innerer Vor-
gang, der also nur in der Form der Zeit erscheint. Daher ist sie
zunächst Gegenstand der Psychologie. Aber sie hat bekanntlich auch Be-
gleiterscheinungen, die körperlicher Natur sind, die also in der Außen-
welt vorgehen, und bei denen der Raum als Anschauungsform hinzu-
tritt. War das Triebhaft-Zeitliche Gegenstand der Psychologie, so ist
das Körperlich-Räumliche an der Sexualität Gegenstand der Physio-
logie. Beides sind völlig gesonderte Gebiete, und wer sich nicht dazu
entschließen kann, sie zu trennen und in beiden konsequent zu Ende zu
denken, der wird abgesehen von anderen Irrtümern auch noch den be-
gehen, daß er z. B. sagt: dieses Verhältnis zwischen den beiden Men-
schen A und B ist psychisch und jenes zwischen C und D ist physisch.
Alle Verhältnisse zwischen je zwei Menschen sind immer zugleich
physisch und psychisch, und nur der oberflächliche Zuschauer etikettiert
nach dem, was er gerade im ersten Augenblick sieht. Nehmen wir an,
es bestehe zwischen A (Mann) und B (Weib) ein Verhältnis von zart-
bräutlicher Farbe im allerersten Stadium. In dem Augenblick, wo A
an B denkt, macht sich bei ihm von innen her ein Gefühl des Wohl-
behagens bemerkbar, von dem er übrigens mindestens negativ sagen
muß, daß es mit dem Wohlbehagengefühl vor einer zu erwartenden
Mahlzeit nichts zu tun, sondern von spezifisch anderer Tönung ist.
Außerdem aber tritt bei ihm eine gerade für diese Art des Wohl-
behagens charakteristische Eiweißzersetzung ein. Eine solche findet in
unserem Körper dauernd statt, auch wenn wir eine mathematische
Aufgabe lösen. Die Eiweißzersetzung, die stattfindet, wenn wir einem
geliebten Menschen entgegentreten oder an ihn denken, ist nur, wie
bereits bemerkt, eine für diesen Vorgang charakteristische, sie besteht,
um mich der Sprache Gustav Jaegers zu bedienen, im Freiwerden eines
bestimmten Luststoff es, der sich im Molekül des Eiweiß befindet. Dieser
Luststoff ist körperlicher Art wie aller Stoff, erscheint im Raume, ist
Materie, seine Erforschung gehört ins Gebiet der Physiologie, besonders
der Chemie. Diese Luststoff entbindung aus dem Eiweißreservoir unseres
Körpers vollzieht sich stets, wenn wir mit Sympathie an einen anderen

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