Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 95
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III. KAPITEL

DIE SEXUELLEN CHARAKTERE

icht die Liebe zur Geschwätzigkeit und zur psychiatrischen Kol-

portage verführt mich dazu, vor dem sexuellen Hauptcharakter,
dem Typus inversus, einige andere zu behandeln, sondern der Wille
zur Deutlichkeit. Nichts ist weniger geplant, als dieses Buch zum Kom-
pendium entarten zu lassen: aber zur Durchschauung einer bestimmten
Mannesart gehört die Umschau bei anderen.

Die Tatsache, daß die Sexualität eine Peinlichkeitsschwelle hat, ist ent-
scheidend für die Entstehung zweier Menschentypen, dem muckerischen
und dem faunischen. Der eine läßt sich ducken, der andere dringt durch,
der eine gibt der Erkrankung nach, der andere bezwingt sie.
Wer immer an die Peinlichkeitsschranke stößt, bekommt zunächst das
Tabugefühl. Er wagt nicht, daran zu rühren, alles sexuell Erregende
erregt zugleich Angst, und dieser Zustand ist seinem Gemüt unmöglich.
Er stürmt immer wieder dagegen an und macht immer wieder dieselbe
Erfahrung. Schließlich gibt er den Kampf auf und sagt: die Sexualität
ist das, was nicht sein soll. Die psychologische Motivierung, „denn sie
erregt die fürchterlichsten und unerträglichsten Gefühle“, wird aber
objektiviert, theologisiert und verweltanschaulicht.
Hier steht der muckerische Mensch schon kurz vor seiner eigentlich
verbrecherischen Mission, denn nun geschieht das Unglaubliche: die
geistige Angelegenheit des Seinsollens wird bis in den Kern hinein
durchsetzt von der rein privaten Sexualangelegenheit des Muckers. Im
Worte ausgedrückt: die Bezeichnung „sittlich“ bekommt einen sexuel-
len Unterton. Diese Verknotung des sittlichen Gesetzes mit dem sexuel-
len Nichthandelnsollen ist so eingebürgert und eingefleischt, daß beim
Aufruf dieses Wortes die Sexualitätsnote immer mitklingt, und es ge-
hört wohl zu den lächerlichsten Situationen der modernen Aufklärung,
es nötig gehabt zu haben, darauf hinzuweisen, daß Sexualität und Sitt-
lichkeit miteinander genau so viel zu tun haben, wie jedes andere


1. Mucker und Faun

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