Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 144
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IV. KAPITEL

DIE PATHOGRAPHISCHE AUFFASSUNG
VOM WESEN DER INVERSION
UND DIE NATÜRLICHE IM KAMPFE
GEGENEINANDER

1

ie Rückkehr zu einem naiven Standpunkte nach Durchwanderung

verwickelter Systeme hat schon oft die Frage selbst, auf die es an-
kam, mit einem Ruck gefördert, während das Weiterspüren auf den
verwickelten Ausdeutungen im besten Falle einen Schritt vorwärts be-
wirkt hätte, im schlechteren aber mehrere rückwärts. An unserem
Problem wird dies in hervorragender Weise deutlich, wenn wir
entdecken, daß ein Mann des klassischen Altertums sich hierum ipit
Erfolg bemüht hat. Und zwar ist es der Komödiendichter Aristo-
phanes im Spiegelbilde des platonischen „Symposion“. Wie bekannt,
unterhalten sich die Teilnehmer des Gastmahles bei Agathon über
den Eros Uranios. Den offenbaren Vorrang hat hierbei die Liebe
zum eignen Geschlecht, die ja der Grieche überhaupt als die wert-
vollere empfand. Aristophanes nun gibt in seiner Rede über den Eros
eine legendäre Theorie von der Entstehung der Liebe, die hier in der
Übersetzung von Rud. Kassner (Verlag E. Diederichs) folgen möge1.
Aristophanes sagt nach einigen einleitenden Worten:

1 Ich kann mich hier nicht enthalten, auf das Handwerk eines gewissen Max
Oberbreyer, Dr. phil. und Oberlehrer, hinzuweisen. Dieser hat die Schleier-
macherische Übersetzung in der Reclambibliothek neu herausgegeben und dazu
„Erläuterungen“ gemacht. Von diesen sagt er im Vorwort, er habe sie „wieder
in jener eigenartigen Fassung gehalten, die sich bei allen meinen früheren
Arbeiten des lebhaften Beifalls kompetenter Kritiker stets erfreut hat“. Die
eigenartige Fassung besteht nun im wesentlichen darin, daß er nach Art des
jetzt gerade aufgekommenen neuen Oberlehrergeschlechtes mit kleinen Wit-
zen und Späßen aus Kneipkomment, Ehebett und zotigem Herrenausflug den
Text schmackhaft macht, von den vielen gelehrten Aufdringlichkeiten, die er
sich sonst leistet, abgesehen. So „erläutert“ er Seite 13 den Beschluß der Gast-
mahlteilnehmer, mäßig zu trinken, in dieser Art: „Das heißt also: Da sämt-
liche anwesenden Herren noch vom vorigen Tage einen ziemlich bedeutenden
Kater haben, wird beschlossen, für diesen Abend keinen regulären Saufkom-
ment, mit obligatem Vor- und Nachtrinken zu veranstalten.“ An jener Stelle,
wo Aristophanes plötzlich von einem Schlucken befallen wird, kann sich be-


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