Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 173
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V. KAPITEL

ANECDOTA INVERSA

Dieses Kapitel ist der Erläuterung gewidmet. Ich möchte mit-
ten ins tägliche Leben hineingreifen, um zu zeigen, was und
wen ich meine. Ich will auch nicht versäumen, Einfällen freien Lauf
zu lassen. Es kann daher nicht anders sein, als daß dieses Kapitel hin
und wieder in plaudernden Ton verfällt. Doch werden wir immer
Umschau halten nach neuem theoretischen Gewinn, und ungedeutet
soll nichts vorübergehen. — Im zweiten Teile dieses Buches und schon
am Ende des ersten, muß ich dann die Zügel wieder straffer nehmen.

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Ich kenne seit etwa acht Jahren einen jungen Menschen, Kunsthand-
werker von Beruf, der hatte, wenn man es oberflächlich besah, ein
durchaus normales Liebesieben; es glückte ihm mit den Frauen gut.
Er war schön von Gestalt, aufrecht gewachsen, hatte ein gewinnendes
Wesen und klare Augen. Es machte ihm nicht die geringste Mühe, sich
die schönsten Mädchen aufs Lager zu locken. Und dennoch: seine
ganze Jugend bis zu dem Alter, in dem er jetzt steht, gegen 26 Jahre,
war durchzogen von einer einzigen großen Liebe, und diese galt
einem älteren Manne. Aber die Liebe war unglücklich. Der geliebte
Mann war zwar ein ausgesprochener Männerheld, dem jeder schöne
Jüngling verfiel: aber er hatte einen Freund, der bei ihm die erste
Stelle einnahm, und gerade in diese erste Stelle wollte jener immer
wieder gelangen. Das forderte der Ehrgeiz seines Eros. Ich habe ihm
wiederholt klarzumachen versucht, daß dieses Bemühen vergeblich sei.
Es verrannen viele Monate, oft Jahre, in denen wir uns nicht sahen:
aber er ließ nicht von diesem Wunsche ab; er wollte, so verzweifelt
es stand, daß dieser Mann ihn liebe, und konnte sich davon nicht
trennen. Er war höchst empfindlich gegen kleine Zurücksetzungen,
die er sich zum Teil einbildete, zum Teil wirklich erlitt, und seine
Eifersucht kam an allen Ecken und Enden zum Durchschein.
In dem geliebten Manne sah er das Vorbild der Männlichkeit und
Tugend, und er wäre bereit gewesen, für ihn alles zu leiden. Aber es

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