Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 199
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VI. KAPITEL

EROS UND LOGOS

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er Macht, der es gelingt, die Tiergattung Mensch aneinanderzu-

-l—' binden, ohne an ihren Gestalten zu rühren, scheint es angemessen,
der Denkbarmachung den äußersten Widerstand zu bereiten; dies
um so mehr, als sie noch anders, was allein dem Menschen eignet,
zustande bringt. Wir haben im Vergangenen eine Katastrophe erlebt,
und zwar die Katastrophe der Psychiatrie, jener Wissenschaft, die es
wagte, am Menschenbilde zu rühren und ihm die Grenzen zu setzen,
die in Wirklichkeit ihre eignen sind. Sie erwies, je mehr sie sich
enthüllte, um so deutlicher ihre Hinfälligkeit. Überladen mit schlech-
ten Worten, gespreizt in ihrem Auftreten, barock in ihrem Denk-
aufbau, dabei betrieben von einem Heer meist engstirniger Gelehrter
(ähnlich der Juristerei, mit der sie in dauernder Symbiose lebt)
ist sie eines der handgreiflichsten Symptome einer absterbenden

Die Kapitulation der Psychiatrie erfolgte an der Stelle, wo die
Kapitulation der Gehirnphysiologie vor der Wahrnehmung erfolgt.
Die Psychiatrie hatte die Rolle des Materialismus, und sie ist im
System nichts weiter als dieser; wobei „Materie“ nur nicht körperlich-
räumlich, sondern triebhaft-zeitlich ist.
Die Kapitulation erfolgte vor dem Eros. Eros ist nicht Sexualität,
sondern ist dasjenige, was der Sexualität ihren Sinn gibt. Sinn, nicht
„Zweck“.
Eros ist dasjenige, was allem triebhaften Inhalte als lenkende Form
zugrunde liegt. Eros ist etwas, was Tiere niemals haben, sondern
was allein dem Menschen eignet und was den einen Teil seiner Würde
und seines Schicksals ausmacht.
Eros ist die Bejahung eines Menschen abgesehen von seinem Wert.
Man gehe an diesem Satze nicht vorüber, ohne ihn tief zu bedenken.
„Abgesehen von seinem Wert“, jemanden zu bejahen, ist eine furcht-
bare Tatsache, die jeder Weichlichkeit und Leichtheit entbehrt. Und
daß dies nicht geschieht, weil man es „will“, sondern weil man es
wollen muß, raubt ihr nichts von ihrer Folgenschwere. Einen Men-
schen herausheben aus allen Wertbeziehungen, einen Menschen, der

Epoche.

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