Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 210
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VII.,KAPITEL
DAS BILD DES HELDEN

Moralische Handlungen sind Handlungen aus reiner Vernunft
Die schöpferische Tat, die geschehen soll, ist typisch ver-
schieden von der angenehmen, die von allein getan wird. Nun ist
aber jede Handlung auch zugleich psychologisch bedingt, d. h. sie
liegt in der Tendenz des größtmöglichen Lusterwerbs und der best-
möglichen Unlustflucht. Psychisch unmotivierte Handlungen, also
Handlungen aus reiner Vernunft, kommen demnach nicht vor.
Es ist eine merkwürdige Einseitigkeit, die durch das Sprichwort
„comprendre c’est pardonner“ hervorgerufen wird. Eine unmoralische
Handlung „verstehen“, d. h. ihre psychologische Kausalkette kennen,
soll heißen, sie verzeihen. Mit demselben Recht könnte man sagen:
„verstehen heißt entwerten.“ Denn wenn ich die psychische Kausali-
tät einer guten Handlung aufdecke, so stellt es sich gleichfalls heraus,
daß sie der heimlichen Lusterhöhung diente.
Dieses Bewußtsein von der Unmöglichkeit unegoistischer Handlungen
ist es, das die besten und feinsten Menschen bisher immer abgehalten
hat, Danksagungen entgegenzunehmen. Der Mildeste unter ihnen
konnte sogar zürnend ausrufen: „Was nennt ihr mich gut...? Nie-
mand ist gut, denn der allmächtige Gott.“ Nur die Dummen und
Platten tragen Titel und Orden und lassen sich Ovationen gefallen.
Das Gute, das in der Welt geschieht, die sittliche Idee, erscheint so
wie ein Zweites und Objektives, das abgesehen vom Menschen da
ist; und es benutzt gewissermaßen seine empfänglichsten Stimmungen,
um Fleisch zu werden. Sie selbst aber, die von der Idee des Guten
ergriffen und überlistet werden, haben nicht den mindesten Grund,
sich dessen zu brüsten.
Trotzdem aber denkt sich die Menschheit immer wieder Träger von
Handlungen, die aus reiner Vernunft geschehen ohne Dazwischen-
treten eines psychologischen Mechanismus. Dieser Träger ist der
Held. Die Heldenphantasie ist demnach eine religiöse. Sie enthält
im innersten Kern eine Problemstellung von antinomischer Art und
die Frage nach dem Werte des Daseins. Der Held, wie er hier gefaßt

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