Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 219
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VORWORT

Alle ökonomische Soziologie ist Oberflächenbetrachtung der mensch-
lichen Gesellschaft, und aller Umgestaltungswille, der sich auf sie
begründet, kann nur die Oberfläche der menschlichen Beziehungen
umgestalten. Wer zweifelt daran, daß alle abgelaufene Geschichte
der Menschheit auf die interessanteste Weise erläutert werden kann
mit den Phänomenen des Strebens nach Reichtum, und wen ergriffe
nicht die prachtvollste Lust des Entlarvers, wenn es ihm gelang,
ideenerglänzte Stücke der Geschichte gestützt zu sehen durch wirt-
schaftliche Begehrungen: aber der Bettelmöndh und der Säulenheilige
haben diese Dinge so weit an die Peripherie ihres Wesens verlegt,
daß es sich nicht mehr lohnt, ihren Lebensablauf an ihnen zu messen.
Und solche Erscheinungen gar zu „erklären“ durch wirtschaftliche
Druckverhältnisse, das hieße alles Menschliche vorher ausschalten. Es
ist ein Irrtum, das Streben nach wirtschaftlicher Macht als eine ur-
sprüngliche Eigenschaft des Menschen anzusehen; dieses Streben ist
vielmehr so mittelhaft, wie nur etwas sein kann, und auch die Tat-
sache, daß die gegenwärtige Geschichtslage der Menschheit dieses Mit-
tel an die Grenze des Selbstzweckes pervertiert hat, ist kein Beweis
dafür, daß es zu ihrem Wesen gehört. Alle ökonomistische Soziolo-
gie dringt daher bestenfalls zu den Molekülen vor, und nicht zu den
Elementen. Sie läßt die letzte Frage nach dem Geselligkeitszwang
des Menschen unbeantwortet. Sie fängt an mit sozialen Gruppen,
die schon vergesellschaftet sind, und ist hilflos wie ein Kind, wenn
es gilt, diese am Menschenrande liegenden Zwänge zu deuten.
Ganz anders die hier vertretene Soziologie. Sie dringt bis an Mächte
vor, ohne die der Mensch nicht Mensch sein könnte und um derent-
willen er erst reich oder arm ist. Sie steht vor den Atomen. Sie kann
auch Einsamkeit, jene höchst besondere reziproke Form von Gesellung,
verstehen, ohne etwas anderes zu ihrer Erklärung heranzuziehen als
die Mittel, die sie zum Gegenteil braucht. Es ist kein Zufall: in jener
Zusammenheit von Eros und Logos, in die der Mensch verstrickt ist
und durch die er erst Mensch wird, wurzelt zugleich seine Sozialität;
und nur, wenn man die Spuren dieser Mächte bis zum Letzten und
Dringendsten verfolgt, nur wenn man die menschliche Gesellschaft
und mit ihr den Menschen selbst auflöst bis dahin, wo es nicht mehr
weiter geht, nur dann kann eine Soziologie entstehen, die beim Wieder-

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