Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 221
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DIE MÄNNLICHE GATTENWAHL
DAS SAKRAMENT DER MEHREHE

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Der Staat, die Sprache und die Ehe, diese drei Dinge haben im
Denken des theoretischen Menschen das gemeinsame Schicksal
gehabt, daß man sich gern darum stritt, ob sie von Natur (qjvaei)
oder durch Satzung (freoei) da seien. Dieser Problemstellung liegt
offenbar bei allen dreien die innere Frage zugrunde, ob man ihnen
auch entfliehen kann, und dieser Frage der Wunsch, es zu können.
Denn es ist einleuchtend: wenn man beweisen kann, daß Staat,
Sprache und Ehe nur durch Satzung da seien, so wäre es möglich,
diese Satzung rückgängig zu machen und dann zu einem freieren
Fluge auszuholen, denn alle drei Dinge werden als Fesseln empfun-
den.
Wenn man bedenkt, daß jede einzelne Ehe von jeher durch einen
Pakt besiegelt und eingerichtet wurde, und wenn man ferner bedenkt,
daß sich immer vor und neben dieser Eheschließung mannigfache
andere Liebesbeziehungen des Mannes abspielen, so begreift man die
viel vertretene Ansicht, daß diese monogamen Verhältnisse ein Pro-
dukt der Zivilisation, und zwar besonders von ihrer wirtschaftlichen
Seite her, seien. Nach dieser Auffassung müßte, wenn jene Satzung
aufgehoben würde, das Liebesieben völlig wahllos werden und schließ-
lich sogar der Standpunkt der beliebigen Vermischung aller Frauen
mit allen Männern (Promiskuität) eintreten. — Aber schon ist ein
Denkfehler begangen: man hat mit der „Sexualität“ gerechnet, wie
als komme sie beim Menschen in reiner Form — als gleichmäßiger
undurchbrochener Trieb — vor, und man hat vergessen, daß in ihr
der Eros eingefügt ist, und daß Eros das Gesetz der Besonderung
enthält. Lange Zeit lebte unter den Soziologen die Promiskuitäts-
theorie — wobei Promiskuität als ein wirklich vorhandener Zustand
angenommen wurde, aus dem sich die gebundeneren Formen der
verschiedenartigen Ehen „entwickelt“ hatten — und es bedurfte erst
der Nachforschungen von Heinrich Schurtz, der in seinem Werke
„Altersklassen und Männerbünde“ die Promiskuität bestritt, einfach,
weil er sie nirgends, auch bei den primitivsten Völkern nicht, ge-
funden habe. In der Tat: Promiskuität ist kein Zustand, sondern
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