Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 237
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den Harem und die Gruppenehe erlebt und sagten gleichfalls,
daß das ihre höchste Würde sei. „Es ist so eine seltsame Sache mit
dieser Seele der Frau; wir sind zwar äußerst lebendig und eigen-
willig, aber es gibt einen Punkt, wo wir nicht weiter können, sogar
in unserm Liebesieben nicht. Wenn hier nicht ein Mann eintritt und
einfach mit seiner Machtgebärde uns zurechtrückt, dann sind wir
verloren und sinken in unseren eigenen Abgrund. Vielleicht kann
man wirklich aus uns machen, was man (... Mann) will, wenn nur
der Rechte kommt, und wir erstehen als seine Geschöpfe, wenn er es
versteht, die rechte Gebärde der Macht zu haben.“
Diese Worte sagte zu mir in einer ihrer hilflosesten Stunden Dio-
tima.
Man fasse die Mehrehe eines Mannes mit zwei Frauen nur als ein
Beispiel auf. Es reicht zweifellos am weitesten und trägt am meisten,
aber es können auch andere Formen kommen. Wie es auch immer
sei, die Mehrehe ist ein Vorrecht der Vorzüglichen, auf die es an-
kommt. Denn man vergesse nicht: in der Familie wirken zwei Gewal-
ten: Eros und Genesis, Liebe und Zeugung. Die Zeugung des Men-
schen ist mehr als bloße Vermehrung. In den Kindern eines Mannes
entfaltet sich das, was sich in einem Leben nicht hat entfalten können.
Wir haben in uns Keime von Dingen, die wir nicht bewältigen kön-
nen, weil sie sich in einem Zustande befinden, der noch nicht die
volle Erweckung gestattet. Wir können nicht an sie heran, und sie
müssen meistens verdorren. Durch unsere Frauen und auf dem Um-
wege unseres Samens vertrauen wir diese halbgereiften Dinge noch
einmal dem Urieibe der Mutter an; wir nehmen mit ihnen, um mich
des alchymistischen Ausdruckes zu bedienen, eine Art reductio in
primam materiam vor, und wir erwarten ihre neue Erstehung in
unseren Kindern. Je reicher, gehaltvoller, stärker und zukunftshal-
tiger nun ein Mann ist, um so weniger wird eine Frau ihm genügen,
um alle Kräfte seines Wesens in einer neuen Zeugung aus sich heraus-
zulocken. Denn wir vertrauen nicht jeder Frau jede Seite von uns an,
und nur ganz bestimmte Frauen vermögen ganz bestimmte Züge un-
seres Wesens in ihren Mutterleib zu locken. Die monogame Ehe aber
ist das große Hindernis für die zeugerische Entfaltung gerade der
reichsten Männer. Es ist aber nötig, daß so viel als möglich entfaltet
wird, und es ist auch nötig, daß der neue Mensch in der Familie
bleibt und nicht, wie heute, auf die Straße geworfen wird.

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