Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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II. KAPITEL

DIE THEORIE DER MÄNNLICHEN
GESELLSCHAFT

1

äbe es im menschlichen Geschlechte nur die Familie, so wäre nichts

weiter gewährleistet als die Erhaltung der Art. Die Staatsbildung
kommt erst durch das Einsetzen eines zweiten Poles mit soziologischer
Begabung zustande. Und dieser zweite Pol ist die männliche Gesell-

Während also die Frau soziologisch einseitig ist und nur nach der
Familie strebt, neigt der Mann stets nach zweierlei: nach der Familie
und der männlichen Gesellschaft. Von diesem Doppelstreben ist kein
Mann ausgenommen. Sowohl der typische Familienvater, der nichts
weiter zu kennen scheint als seine Frau und seine Kinder, zeigt deutlich
die Spuren der Sehnsucht nach den Männerbünden, und ebenso bleibt
der echte Typus inversus, dem die Familiengründung so fern wie mög-
lich liegt, doch sein Leben lang nicht ohne Leidenschaft passives Mit-
glied seiner Herkunftsfamilie.
Der Soziologe Meirich Schurtz hat ein Buch geschrieben, „Altersklassen
und Männerbünde. Eine Darstellung der Grundformen der Gesell-
schaft“ (Berlin 1902, bei Georg Reimer). Dieses Buch, dessen wohl-
geleitete Sprache von dem kraftvollen Denken seines Verfassers Zeug-
nis ablegt, weist in aller Deutlichkeit auf, daß es eines Gesellungs-
prinzipes über die Familie hinaus bedarf, um die Tiergattung Mensch
(die kein mißgestaltetes „drittes Geschlecht“ enthält) zu einem staaten-
bildenden Wesen zu machen. Das Buch zeigt, wie dem Manne die
dauernde Gesellschaft der Frau unerträglich und herabmindernd ist
und wie er zwangartig darüber hinaus zu den Männern strebt. Die
Frau hingegen, die Herrin der Familie, ist ausgefüllt und in sich selbst
geschlossen, wenn sie Familienmutter ist. Die zweite Gesellungsform,
die der Familie gegenübersteht, sind nach Schurtz die Männerbünde.
Heinrich Schurtz ist reiner Soziologe: er begnügt sich damit, die
soziologischen Tatsächlichkeiten hinzustellen und die Formgebung der
menschlichen Gesellschaft darzulegen. Wie gerade diese Formgebung
zustande kommen mußte und nicht eine andere, diese Frage gehört
nicht in sein Gebiet, d. h. er ist nicht Psychologe. Freilich versteht er
es, mit großem Scharfsinn einzelne Züge festzulegen und verständlich


schaft.

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