Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 239
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zu machen; aber es bleibt Oberflächenpsychologie, die er treibt. Das
heißt, die Bewußtseinsinhalte werden mit anderen Bewußtseinshal-
ten weiter gedeutet. Er versteht noch nicht die Technik der analyti-
schen Psychologie, die sich gerade auf die unklaren und verwirrten
Bewußtseinsinhalte wirft, und daher bleiben ihm die Wurzeln der
soziologischen Formgebung verborgen. So macht Schurtz zur Erklä-
rung der doppelten Gesellungsart des Mannes folgende Aufstellung:
Der Mann besitzt erstens den Geschlechtstrieb, der ihn zum Weibe und
zur Familienbildung treibt. Zweitens aber den Gesellungstrieb, der ihn
zum Manne treibt und damit zur Bildung der Männerbünde. Es ist
klar, daß hier mit ungleicher Münze gezahlt wird. Denn es ist doch
so: wenn ein Triebsubjekt A eine sexuelle Spannung zu einem Trieb-
objekt X = Weib empfindet und er geht von einem Orte a zu einem
Orte b, wo sich X befindet, so ist dasjenige, was da treibt, eben der
Trieb, die Sexualität; das Sichgesellen aber ist nichts weiter als deren
motorische Funktion. Das Zurücklegen des Weges von a nach b ist
kein besonderer Trieb, und daraus erhellt, daß es eben überhaupt
keinen „Gesellungstrieb“ gibt, es sei denn, daß wir dem Worte Trieb
seine ursprüngliche Bedeutung nehmen. Das Sichgesellen ist nichts
Selbständiges, was sich auch an sich in Tätigkeit setzen könnte, son-
dern es ist durchaus Funktion eines anderen. Und darum darf man
auch nicht sagen: Wenn der Mann zum Manne geht, so ist es der
Gesellungstrieb, der ihn dazu bringt. Dieser Satz besagte ja nichts
anderes als der berühmte: „Die Armut kommt von der pauvrete.“
Wir sind also genötigt, entweder zu sagen: Wenn der Mann zum Weibe
geht und eine Familie gründet, so folgt er damit seinem ihn zum
Weibe treibenden Trieb (x), und wenn er zum Manne geht und Män-
nerbünde gründet, seinem ihn zum Manne treibenden (y), das heißt,
wir lassen beides unanalysiert und bleiben tautologisch. Oder aber:
wir analysieren beides, behandeln den bisher sogenannten Gesellungs-
trieb lediglich als motorische Funktion und setzen für x und y in
beiden Fällen die Sexualität ein mit der Voraussetzung, daß sie im
Falle y invertiert ist und einem verwickelten System psychischer Mecha-
nismen unterliegt. Dies wäre folgerichtig. Damit aber wird durch die
rein soziologische Ebene eine zweite hindurchgelegt, die sexuologische,
und die letzte Frage nach dem Zusammenschluß der Tiergattung
Mensch zum staatenbildenden Wesen wäre gelöst. Und so muß es in
der Tat gemacht werden.
Kehren wir nun noch einmal, ehe wir die eigenen Gedankengänge zu
Ende führen, zu denen von Fleinrich Schurtz zurück. Seine Forschungs-

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