Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 269
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IV. KAPITEL

DIE MILITÄRISCHEN KAMERADERIEN

Es gibt — von außen gesehen — nichts Zweckhafteres und Ratio-
naleres als eine Heeresorganisation. Und man könnte daher ge-
neigt sein, die invertierten Begebenheiten hier wirklich als zufällig
anzusetzen; aber eine Sicht von innen belehrt uns eines anderen. Wo
immer ein Ethos ist, da ist auch Eros. Die Moral bedarf des Eros
nicht, und daher finden wir auch die echten Zweck verbände, selbst
wenn sie ausgesprochen moralische Absichten haben, wie etwa die
Wohlfahrtsorganisationen, immer eroslos. Was natürlich sehr viel
gegen den menschlichen Gehalt dieser Einrichtungen sagt. Im Krieger-
tum eines Volkes aber steckt — ganz entgegen dem, was der moderne
Aufklärer und Demokrat davon erwünscht — nicht etwa bloß das
rationale Programm der Landesverteidigung (das hätte es mit der
Feuerwehr gemein), sondern eine übergeordnete Idee, deren Inhalte
nicht beweisbar sind. Und so etwas hält sich nicht ohne Eros; kein
Zweckverband kann diese Haltung erzeugen, sondern nur ein heim-
lich wirkendes und immer mitschwingendes System von männlichen
Gesellschaften, die die Träger der übergeordneten sakralen Idee sind.
Man kann diesen Zustand verdammen, aber man kann nicht leug-
nen, daß er seine eigene Würde hat.

Wir beginnen mit der jugendlichsten Form der militärischen Kame-
raderien: dem Kadettenhause. — Nach der Veröffentlichung der
ersten Auflage meiner Erotikmonographie über den Wandervogel
wurde mir von einem jungen Adligen ein eigenhändig geschriebenes
Tagebuch übersandt mit der Erlaubnis der Veröffentlichung zu wissen-
schaftlichen Zwecken. Als Beilage fand ich die Photographien der
Personen, die hauptsächlich darin vorkamen; es waren durchweg
stattliche junge Menschen von jener herben Schönheit, die in Offiziers-
kreisen so gerühmt wie gefährlich ist. Man erinnert sich vielleicht,
daß vor einigen Jahren in bürgerlichen Unterhaltungsblättern Er-
zählungen aus dem Kadettenleben auftauchten, die stets großen An-

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