Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

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V. KAPITEL

DIE KATASTROPHE DES TEMPLERORDENS

eiten von starker geistiger Bewegung sind Zeiten der starken

Regsamkeit der Männerbünde. Wo die Familien im Volksleben
hervortreten, da stagniert der Geist; unter ihrem Regime herrscht
die Tradition, unter dem der Männerbünde die Revolution.
Die Zeiten der Kreuzzüge waren solche Zeiten starker geistiger Auf-
regung. Was sind jene ideengetragenen Vorstöße von Ritterorden ins
Heilige Land gegen Nordpolexpeditionen und Forschungsreisen! Wie-
viel tiefer dringen diese ins Menschentum ein als jene Unternehmun-
gen, die über den Bereich des Wissenschaftlichen nicht hinauskommen.
Ein ungeheurer Glaube an den Mann gehört dazu, um solche Ent-
schlüsse auszuführen, wie sie die Ritterorden in sich trugen.
Der heilige Bernhard von Clairvaux gründete den Templerorden,
und Gottfried von Bouillon führte ihn zum erstenmal ins Morgen-
land. Der Orden hatte Erfolg, er wuchs an Ansehen und Macht, er
wuchs aber auch an apostatischen Gesinnungen und damit an Selbst-
bewußtsein. Ländereien in Frankreich gehörten ihm: daran stieß sich
ein französischer König. Die Ordensritter bekamen eine eigene Welt-
anschauung, und daran stieß sich der Papst. In leichtfertiger Selbst-
überschätzung hatten die Päpste das Bild der Sarazenen verzerrt, hat-
ten von ihnen als von Barbaren gesprochen, ihre Sitten verdächtigt,
ihr Menschentum bezweifelt; nun waren die Templer, dieser geweck-
teste Orden, nach Jerusalem gekommen und hatten ein anderes Bild
gefunden. Man hatte gesagt, daß sie gegen Räuber zu kämpfen haben
würden, denen Menschenachtung und Güte fremd wären; und ein
Blich in die Dogmatik des Islams zeigte ihnen die Ebenbürtigkeit
mit dem Christentum, ja eine Überlegenheit in vielen Dingen. Es
trat eine innere Wandlung ein: es dauerte nicht lange, da war der
Templerorden ein fremdes Glied in der christlichen Kirche, ein einge-
triebener Keil von Heidentum. Da wurde ihm von Rom auf Betrei-
ben des französischen Königs Philipp des Schönen der Prozeß ge-
macht. Und welches waren die Vorwürfe, die man dem Orden
machte? Nebst den üblichen dogmatischen, in die jede Zeit ihren
Aberglauben faßt und die zu jeder Zeit Ketzertum heißen, der


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