Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 290
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Vorwurf, daß er ein Päderastenbund sei. Audi diesen hat man ja
bisher noch jedem verdächtigen Männerbunde gemacht, der sich in
Ketzertum gegenüber den Zeitidealen erging, und immer war dieser
Vorwurf in irgendeinem Sinne richtig. Die Ritterorden sind Männer-
bünde, die der große Hauptmännerbund der katholischen Kirche aus-
sandte und welche willig gingen, weil Grad und Form des heimat-
lichen Männerbundes ihnen zu nüchtern und schwächlich geworden
war.
Wenden wir, um in die psychologische Struktur des Templerordens
einzudringen, wiederum die kriminalistische Methode an, die uns
hier durch den Kriminalfall selbst vorgezeichnet ist. Dr. Hans
Prutz, ordentlicher Professor der Geschichte an der Universität Kö-
nigsberg, hat eine kleine Schrift verfaßt: „Geheimlehre und Geheim-
statuten des Tempelherrenordens“ (Berlin 1879), auf die ich midi
berufen will. Der Verfasser gehört zu denjenigen Autoren, die alles
andere sind als ihrem Gegenstände gewachsen. Er steht im Grunde
ahnungslos vor ihm und hat kein anderes Verhältnis dazu, als es ein
Historiker trockenster Art haben kann. Das Wesentliche an dieser
Schrift ist die schnüfflerische Akribie, mit der sie verfaßt ist, es steckt
viel Nase darin und wenig Hirn, dabei ist sie exakt, sorgfältig und
quellengenau.
Gerücht und Geheimnis, diese beiden Dinge treten uns wie bei allen
verdächtigen Männerbünden auch hier auf den ersten Blick entgegen.
Das Wort „Templerhaus“ hatte nach Prutz noch im fünfzehnten
Jahrhundert den „allerübelsten Nebensinn“ (S. 34); es wurde als
Trinkhaus gedeutet, und damit ist die Assoziationsbrücke für
„Männerhaus“ in dem hier vertretenen Sinn gegeben. In England
aber riefen sich die Knaben auf der Straße zu: „Hütet euch vor den
Küssen der Templer!“ (S. 34) — dasselbe also, was man auf den
Straßen von Steglitz über die ersten männlichen Gesellschaften der
Wandervogelbewegung munkelte. Bald geraten wir zu den bei allen
Männerbünden zeremoniell behandelten Aufnahmegebräuchen. In die-
sen steckt gewöhnlich das „Geheimnis“. Prutz berichtet aus den Pro-
zeßakten Seite 36:
„Die Aussagen sowohl der in den verschiedenen Prozessen verhörten
Ordensritter, als auch der sonst vernommenen Zeugen stimmen darin
überein, daß zwar nicht immer, aber doch gewöhnlich, die Aufnahme-
kapitel in der Nacht oder doch gegen Morgen, um Tagesanbruch ge-
halten zu werden pflegten. Wir hören, daß man zur Wahrung des

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