Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 296
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VI. KAPITEL

SCHILLERS MALTESER-FRAGMENT

In jedem Manne lebt, meistens im Halbbewußten, die Idee eines
obersten Männerbundes. Das heißt, er denkt sich das, was ihm an
geistiger Haltung das Erhabenste ist, dargestellt in einer Gemeinschaft
verbundener Männer. Daß der Träger dieser Gemeinschaft Eros ist
und nicht Geist, das wissen die wenigsten, aber indem sie nach solch
einem Bunde streben, berühren sie unbewußt ihre Jünglingserotik.
Sie arbeiten mit einer phantasierten männlichen Gesellschaft. Dieser
Vorgang sei erläutert am Beispiele Friedrich Schillers.
Es ist eine Angelegenheit der Dichter ersten Ranges, daß ihre besten
Werke die Neigung haben, ungeschrieben zu bleiben. Ein Dichter, der
mit seinem Werke zufrieden ist, gibt damit ohne weiteres ein Argu-
ment für seine Mittelmäßigkeit. Dieser Tatbestand erhellt leicht aus
der Genesis des echten Kunstwerkes. Es ist dazu zweierlei nötig: näm-
lich erstens ein starker Antrieb aus dem Unbewußten. Tief verdrängte
Triebregungen müssen an die Bewußtseinsschwelle treten und den
Menschen unruhig machen. Zweitens aber ein Formwille, der diesem
vordrängenden Triebmaterial entgegenwirkt. Dieser aber muß die
Eigentümlichkeit haben, das unbewußte Triebmaterial gar nicht erst
in der jenem adäquaten Begriffssprache bewußt werden zu lassen,
sondern eben in der, die das kunsthafte Wesen ausmacht. Das frische
Abfangen der unbewußten Triebkomplexe in der vom künstlerischen
Formwillen bestimmten Organisation ist der entscheidende Akt des
dichterischen Menschen. Das daraus entstehende Kunstwerk muß nun
die Eigenschaft besitzen, Einzelerlebnis zu sein und doch Allgemein-
gültigkeit zu haben. Daß dies ein sehr seltener Fall ist, ergibt sich
aus der großen Schwierigkeit der ganzen Situation. Menschen, denen
so etwas fast prinzipiell gelingt, sind Erscheinungen über Jahrhun-
derte hinaus. In den meisten Fällen wird statt eines vollendeten Wa-
gehaltens der beiden Kunstelemente ein Überschlagen des einen vor-
liegen. In den letzten Jahrzehnten schlug fast regelmäßig die psycho-
logische Seite über. Die Dichtung dieses Zeitalters kennzeichnet sich
denn auch dadurch, daß ein ungeheurer Strom bisher im Unbewußten
gebliebener Triebregungen ziemlich spontan ins Bewußtsein gelangte

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