Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 301
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VII. KAPITEL

MISSGLÜCKTE MÄNNERBÜNDE

as Zustandekommen kulturtragender Männerbünde und ihr

Gedeihen ist davon abhängig, ob die Lebensbedingungen der
männlichen Gesellschaft in ihnen zur Geltung kommen. Dieser Satz
gehört zu einer Art Diätetik der Männerbünde. Da die Lebens-
bedingungen der männlichen Gesellschaft bisher noch unbekannt
waren, wird man sich nicht verwundern, wenn allenthalben im
öffentlichen Leben dagegen verstoßen wird. Das oft rätselhafte
Nichtvorwärtskommen von geselligen Unternehmungen, die rational
gesehen überaus hoffnungsvoll zu sein scheinen, bekommt erst dann
den ersten Strahl von Licht, wenn man jene psychologischen Vor-
gänge berücksichtigt.

Ich möchte hier zunächst ein selbsterlebtes Beispiel erzählen: Vor
etwa einem Jahrzehnt versuchten einige zum Freigeistertypus gehö-
rige Männer einen Bund zu gründen, der — natürlich — über die
ganze zivilisierte Welt gehen sollte und dem man die Tendenz gab,
für Freiheit der Persönlichkeit, Freiheit der Wissenschaft und Kunst
und überhaupt für eine vernünftigere Gestaltung des öffentlichen
Lebens zu kämpfen. Es waren die bekannten liberalen Ideen, die sich
gegen priesterliche und staatliche Bevormundung richteten. Man wird
gewiß zugeben, daß dieser Gedanke ein guter, ein nützlicher, ein
vortrefflicher, ein wohl zu billigender war, dem sich eigentlich die
ganze freidenkerische Welt hätte anschließen müssen. Allein der Idee
fehlte — die List der Idee. Ich entsinne mich dreier Tagungen; die
Gesellschaft war folgendermaßen zusammengesetzt: drei bis vier
Männer über fünfzig Jahre, ein freigeisterischer Professor, einige
Ärzte, ein Kaufmann, dann einige Männer in den höheren Zwan-
zigern; unter diesen entsinne ich mich deutlich Vertreter des Frei-
maurertypus in seiner ausgeprägtesten Gestalt gefunden zu haben.
Es waren Männer, die gern von der „neuen Gemeinschaft“ sprachen,
die jene eigentümlich schwärmerische, innige, selbstverlorene Lebens-
führung an sich hatten, von der man sagen kann, daß sie ans Un-


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