Blüher, Hans; Schoeps, Hans-Joachim [Editor]
Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft: eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert — Stuttgart, 1962

Page: 308
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VIII. KAPITEL

DIE EROTIK DER STUDENTISCHEN
VERBINDUNGEN

ie alten Burschenschaften zu Beginn des neunzehnten Jahrhun-

derts hatten innerhalb des Kulturgefühls des deutschen Volkes
eine ähnliche Bedeutung wie die Wandervogelbewegung zu Beginn
des zwanzigsten. In beiden erhoben sich jugendliche Stände, die
noch rechtsunmündig waren, und stritten um ein eigenes Leben. Die
Burschenschaften, die eine höhere Altersklasse umfaßten, griffen gleich
in die öffentliche Politik ein, die Wandervogelbewegung mußte sich
das versagen. Daher spielte sich bei den Burschenschaften alles akti-
ver und stürmischer ab; diese jungen Menschen waren schon wichti-
ger und galten mehr, sie standen dem bürgerlichen Berufe näher,
waren aber doch noch echte Jugend. Und daher finden wir bei ihr
auch, was nicht anders zu erwarten war, die männliche Gesellschaft
in Wirksamkeit. Jene Verbindungen sind wiederum echte Männer-

Aber wir müssen uns vorläufig damit begnügen, auf indirekte Be-
weise zu hören; es hat niemand mit Bewußtsein der Forschung an
der Quelle ihres Trieblebens gestanden, und die experimentfähige
Lage ist für jene Zeiten nicht erreicht; aber einige Züge drängen
sich als typische Verräter der männlichen Gesellschaft auf. Sie waren
durchtränkt von der Philosophie und der Dichtung Schillers, des
geborenen Männerbündlers. Hermann Haupt berichtet in seiner Mono-
graphie „Karl Folien und die Gießener Schwarzen“ (Gießen 1907):
„Besonders charakteristisch für den Kreis der Schwarzen ist es, daß
man in den Gedenkversen ihrer Stammbücher kaum einer auf Frauen-
liebe bezüglichen Stelle begegnet. Man forderte eben von den Bundes-
gliedern nicht nur Keuschheit, sondern geradezu den Verzicht auf
Frauenliebe (Hervorhebung von mir. H. B.), um sich ganz und unge-
teilt dem Vaterlande hinzugeben und zu opfern.“ (Seite 16.) Diese
Tatsache erlaubt sofort einen sehr tiefen Schluß in das wahre Innere
dieser Gemeinschaften. Denn Männer, die den Frauen verfallen sind,
können gar nicht eine solche Verpflichtung übernehmen, es sei denn,
daß sie ihr ganzes Innere verleugneten. Es kommt niemand auf den
Gedanken, der Frauenliebe zu entsagen und sich — in Gemeinschaft


bünde.

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